August Friedrich Ludwig König wird am 20. August 1877 als zweites Kind von Johann Diedrich König und Margarete König in Osternburgermoor geboren. Er ist der jüngere Bruder von Johanne Gesine Marie König. Mit Gerhard Adolf Haase, Albert Wilhelm Haase, Diedrich Haase, Friedrich Georg Haase, Helene Dunekake und Johanne Gerhardine Radziwill hat er noch sechs jüngere Halbgeschwister aus der zweiten Ehe seiner Mutter mit Hinrich Haase. Eine weitere, am 22. März 1888 geborene Halbschwester stirbt unmittelbar nach der Geburt und bleibt deshalb namenlos.
Drei Tage vor Augusts Geburt entdeckt der Astronom Asaph Hall am United States Naval Observatory in Washington mit einem Linsen-Teleskop den Mars-Mond Phobos – nachdem er bereits in der Woche zuvor einen anderen, später Deimos getauften Trabanten des „Roten Planeten“ gesichtet hat. Beide Namen gehen auf einen Vorschlag des britischen Chemikers Henry George Madan zurück und entstammen der griechischen Mythologie: In der „Ilias“ von Homer heißen so die beiden Söhne des Kriegsgottes Ares, die seinen Streitwagen rüsten und mit ihm vor Troja Furcht und Schrecken verbreiten.
Halls Beobachtung bestätigt, was Astronomen seit Jahrhunderten vermuten. Schon Johannes Kepler (1571 – 1630) war fest davon überzeugt, dass der Mars zwei Monde haben müsse. Er sah in der Anordnung der Himmelskörper eine mathematische Gesetzmäßigkeit, in der sich die „göttliche Schöpfung“ widerspiegelt. Da die Venus keinen Mond besitzt, die Erde einen und der Jupiter nach damaligem Kenntnisstand vier, müsse der dazwischen liegende Mars – dem Prinzip der Verdoppelung folgend – folgerichtig zwei Begleiter aufweisen. Eine These, die längst auch in die Literatur Eingang gefunden hat: In seinem 1726 erschienenen Roman „Gullivers Reisen“ verblüfft Jonathan Swift mit präzisen Angaben zu Größe und Umlaufbahnen, die der Realität erstaunlich nahekommen.
Die durch Hall nachgewiesenen Mars-Monde sind im Vergleich zum Erdmond (Durchmesser etwa 3.474 Kilometer) verschwindend klein: Während Phobos an seiner längsten Stelle rund 27 Kilometer misst, kommt der noch kleinere Deimos lediglich auf etwa 15 Kilometer. Aufgrund ihrer geringen Masse besitzen die beiden Trabanten keine Kugelgestalt, sondern ähneln in ihrer unregelmäßigen, zerfurchten Form eher Asteroiden. Phobos umkreist den Mars in 6.000 Kilometern Höhe und benötigt für eine vollständige Umrundung sieben Stunden und 39 Minuten, während der von seinem Mutterplaneten rund 23.500 Kilometer entfernte Deimos seine Bahn erst nach 30 Stunden und 18 Minuten vollendet.
So groß der Widerhall auf Halls Entdeckung in der Fachwelt auch sein mag – im Großherzogtum Oldenburg, zu dem Augusts Geburtsort Osternburg gehört, nimmt keine der relevanten Tageszeitungen davon Notiz. Die „Braker Zeitung“ berichtet in ihrer Ausgabe vom 28. August 1877 lediglich kurz darüber, dass der Mars der Erde in jenen Wochen so nahe kommt wie bisher zu keinem anderen Zeitpunkt des 19. Jahrhunderts und deshalb von den Astronomen „fleißig beobachtet“ werden dürfte.
Amtlichen Quellen zufolge arbeitet Augusts Vater als Aufseher in der damals an der Gerichtsstraße untergebrachten Justizvollzugsanstalt Oldenburg. Das bietet ihm und seiner Familie ein nicht eben üppiges, aber kalkulierbares Einkommen – bis zum Oktober 1878. In diesem Monat erkrankt Johann Diedrich König an Typhus, er stirbt am 1. November. Schwester Johanne Gesine Marie infiziert sich ebenfalls und stirbt vier Tage später. Für August, noch nicht dem Laufgitter entwachsen, und Mutter Margarete ein gravierender Einschnitt. Sie heiratet daraufhin 1880 den in Lintel geborenen, zum Zeitpunkt der Hochzeit in Drielakermoor ansässigen Arbeiter Hinrich Haase. In den folgenden Jahren – Augusts Stiefgeschwister werden zwischen 1881 und 1895 geboren – zieht die Familie mehrfach um und wohnt außer in Drielakermoor auch in Tweelbäke, Donnerschwee und Eversten. Wo August in dieser Zeit jeweils die Volksschule besucht, lässt sich mehr als 140 Jahre später nicht mehr im Einzelnen nachzeichnen.
Über die ersten Jahre nach Konfirmation und Schulentlassung ist heute ebenfalls nichts mehr bekannt. Irgendwann zwischen 1907 und 1909 lernt August seine künftige Ehefrau Mathilde Heinen aus Neuenwege kennen. Als beide am 4. Juni 1910 heiraten, notiert der Standesbeamte zu seiner Person „Kutscher, Stedinger Straße 43a.“ Sehr wahrscheinlich hat sich August zu diesem Zeitpunkt bereits mit einem Bierverlag selbstständig gemacht. Die erste gemeinsame Wohnung bezieht das junge Paar dann in der Haarenstraße, wo im Februar 1911 Sohn Hans zur Welt kommt. Ihm folgen alsbald die weiteren Söhne Benno (Juli 1912) und August Junior (November 1913).
Während die Familie wächst, verdüstern sich am politischen Himmel die Wolken. Wenige Tage nach der Geburt von August Junior schließen das Deutsche Reich und das Osmanische Reich einen Vertrag zur Intensivierung ihrer militärischen Zusammenarbeit. Das führt zu einem ernsthaften diplomatischen Konflikt mit Russland, der allerdings Anfang 1914 noch einmal friedlich beigelegt werden kann. In der auf die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand folgenden Juli-Krise ein halbes Jahr später gelingt dies nicht mehr, Europas Großmächte stolpern in den Ersten Weltkrieg.
Aus heute nicht mehr bekannten Gründen wird August nicht zur kaiserlichen Armee einberufen. Auf sein Geschäft wirkt sich der Krieg allerdings verheerend aus. Der Bierumsatz bricht ein. Er muss seinen Bierverlag aufgeben – was umso dramatischer ist, als im Mai 1915 der vierte Sohn Artur zur Welt kommt. In dieser existenzbedrohenden Lage bewerben sich August und Mathilde bei der Großherzoglich Oldenburgischen Eisenbahn. Angesichts des kriegsbedingten Personalmangels – viele reguläre Mitarbeiter kämpfen an der Front – erhalten sie umgehend Stellen angeboten. Mathilde wird Schrankenwärterin in Großenmeer bei Ovelgönne, August Gleisarbeiter. Damit gehört das Paar nun zu jenen kriegswichtigen Beschäftigten, auf deren reibungsloses Funktionieren das Deutsche Reich angewiesen ist. Die Eisenbahn transportiert nicht nur Truppen und Kriegsmaterial, sondern auch die für die Versorgung der Bevölkerung nötigen Lebensmittel.
Im weiteren Verlauf des Krieges schnürt die britische Seeblockade Deutschland immer enger ein. Ab 1916 werden Lebensmittel rationiert, die Versorgungslage verschlechtert sich rapide. Der berüchtigte Steckrüben-Winter 1916/17 wird für Millionen Deutsche zum Synonym für Hunger und Entbehrung. August und Mathilde können von Glück sagen, dass zu ihrem neuen Zuhause, dem Bahnwärterhaus in Großenmeer, ein großer Gemüsegarten sowie ein Ziegenstall und ein Schweinekoben gehören. Ein von August aus alten Latten und ausgedienten Eisenbahnschwellen zusammengezimmerter Verschlag dient darüber hinaus als Hühnerstall. Die zusätzliche Tierhaltung wird in den Kriegsjahren zu einer unverzichtbaren Lebensgrundlage für die Familie, die im Juli 1916 noch einmal um Tochter Lili wächst.
Das Kriegsende im November 1918 bringt wirtschaftlich nur wenig Besserung. Politisch steht die nach der deutschen Niederlage auf den Trümmern des Kaiserreichs errichtete Weimarer Republik zudem sinnbildlich vom ersten Tag an mit dem Rücken zur Wand – unter anderem auch angesichts der harten Bedingungen des völkerrechtlich den Frieden wiederherstellenden Versailler Vertrags. Knapp vier Wochen nach seiner Unterzeichnung am 28. Juni 1919 kommt Augusts zweite Tochter Mathilde Gesine zur Welt, im Familienkreis fortan nur „Tilly“ gerufen.
Als im März 1922 mit Wilma das siebte Kind geboren wird, zieht am Horizont bereits die Hyperinflation herauf. Ausgelöst durch die jahrelange kriegsbedingte Schuldenwirtschaft, erweist sie sich angesichts der unkontrollierten Geldvermehrung während des 1923 beginnenden Ruhrkampfes als kaum noch zu bändigen. Irgendwie schaffen August und Mathilde es jedoch, die Familie über Wasser zu halten – unter anderem auch, weil Mathilde neben ihrem Bahnwärterposten und der Versorgung der Kinder noch eine Heimarbeit verrichtet. Während August in Zehn-Stunden-Schichten auf den Gleisen ackert, näht sie, wenn alles andere erledigt ist, bis spät in die Nacht Hemden. Damit er seine Ehefrau bei Krankheit oder in den Zeiten des Wochenbetts vertreten kann, ernennt die Direktion der 1920 neu gegründeten Reichsbahn August zusätzlich zum Hilfswärter.
Im Januar 1926 kommt mit Luise das achte Kind zur Welt. Kurz darauf schließt die Reichsbahn die Station Großenmeer. August und Mathilde werden in den zwölf Kilometer nordöstlich gelegenen, heute zu Brake gehörenden Nachbarort Meyershof versetzt, wo sie erneut ein Bahnwärterhaus beziehen. Dort wird August im Mai 1928 durch die Geburt von Sohn Egon zum neunten und letzten Mal Vater.
Über die Jahre in Meyershof existieren umfangreiche Erinnerungen von Augusts Tochter Tilly, die einen recht guten Einblick in das Leben der elfköpfigen Familie zu jener Zeit geben. Sie berichtet von kalten Wintern, den mitunter gefährlichen Ausflügen einiger Familienmitglieder und von der großen Verantwortung, die der Beruf der Eltern mit sich bringt. Etwa, als eines Tages – August hat gerade wegen eines vorbeifahrenden Zuges die Schranken gesenkt – eine Kutsche mit durchgegangenen Pferden auf den Übergang zurast. Noch einmal öffnen oder nicht, diese Entscheidung muss August in einem Bruchteil von Sekunden treffen. Er lässt die Schranke geschlossen und handelt so vermutlich richtig, denn andernfalls hätte es vielleicht noch mehr Verletzte oder sogar Tote gegeben.
An anderer Stelle berichtet Tilly davon, wie August mehrfach die Leichen von Personen bergen muss, die sich in der Nähe der Station vor einen einfahrenden Zug geworfen haben. Vorfälle, die sich nach dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Herbst 1929 häufen. Und auch innerfamiliär kommt es in dieser Zeit zu mehreren schweren Erschütterungen. Die erste, in der die dreijährige Tochter Luise entgegen der Prognose der behandelnden Ärzte eine doppelseitige Lungenentzündung überlebt, nimmt noch ein positives Ende. Die beiden anderen nicht: Der älteste Sohn Hans erkrankt kurz nach Ende seiner Maler-Ausbildung an Tuberkulose und infiziert ungewollt seine Schwester Lili. Ihr Lebensweg endet im Juni 1930, Hans stirbt im April 1931.
Während August und Mathilde in Meyershof versuchen, den Alltag für die verbliebenen sieben Kinder aufrechtzuerhalten, nähert sich die Weltwirtschaftskrise ihrem Höhepunkt. Die Zahl der Arbeitslosen überschreitet Anfang 1932 erstmals die Marke von sechs Millionen. Parallel dazu steigt der Zulauf für die radikale, einfache Lösungen versprechende NSDAP. Bei den Landtagswahlen im Freistaat Oldenburg erreicht sie im Mai 1932 mit 48,4 Prozent sogar eine absolute Mehrheit. Acht Monate später ernennt Reichspräsident Paul von Hindenburg NSDAP-Führer Adolf Hitler zum Reichskanzler.
Zwischen den beiden genannten Ereignissen wechselt Augusts Familie noch ein letztes Mal den Wohnort. Als die Reichsbahn die Station Meyershof in der zweiten Jahreshälfte 1932 auflöst, findet sie in Lintel eine neue Bleibe. Im dortigen, idyllisch im Wald gelegenen Bahnwärterhaus übernimmt Mathilde den Schrankendienst, während August zunächst weiter im Gleisbau tätig ist. Später rückt er dann zu ihrer ständigen Vertretung auf.
Auch an seinem neuen Einsatzort ist August mit einigen nicht alltäglichen Situationen konfrontiert. Etwa am 13. Juni 1934, als er einen zwischen Hude und Wüsting ausgebrochenen Böschungsbrand entdeckt und durch sein schnelles Handeln dazu beiträgt, das Feuer zu löschen. Für diesen Einsatz erhält August einem späteren offiziellen Dankesschreiben zufolge eine „außerordentliche Prämie“ in Höhe von zehn Reichsmark.
Als August und Mathilde im Juni 1935 Silberhochzeit feiern, hat sich der Haushalt in Lintel bereits deutlich verkleinert. Nur noch die drei jüngsten Kinder – Wilma, Luise und Egon – leben bei den Eltern im Bahnwärterhaus. Im Olympia-Jahr 1936 heiratet Sohn Benno Minna Rasch aus Tweelbäke, und ein Jahr später wird August mit der Geburt seiner Enkeltochter Altraud zum ersten Mal Großvater.
Längst beeinflussen die Eingriffe des NS-Regimes in das persönliche Leben jedes einzelnen Individuums den Alltag der jüngeren wie älteren Kinder. Hitlerjugend, Bund Deutscher Mädel, Reichsarbeitsdienst – an den staatlichen Massenorganisationen kommt in jenen Jahren so gut wie niemand vorbei. Dass all dies der systematischen Kriegsvorbereitung dient, ahnen nur wenige. Vermutlich auch August nicht, obwohl er laut den Erinnerungen von Tochter Tilly der schon in den ersten Volksschuljahren einsetzenden staatlichen Indoktrination wenig abgewinnen kann.
Als am 1. September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg beginnt, erhält als erstes Familienmitglied Sohn Artur einen Stellungsbefehl zur Wehrmacht. In Lintel erlebt August danach zwar noch die im Juli 1940 gefeierte Hochzeit von Tilly mit Erich Walcher aus Graz und die Geburt ihres Sohnes Erich Junior im Februar 1941. Nur vier Wochen später, am 15. März 1941, erliegt er im Alter von nur 63 Jahren einer Lungenentzündung. Beerdigt ist August fünf Tage darauf auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude.