Johann Diedrich Geerken – Rufname Diedrich – wird am 18. Juni 1869 als zweites Kind von Johann Hinrich Geerken und Mette Geerken auf dem elterlichen Hof in Grummersort (heute: Hartmut Schäfer und Rita Mönnich) geboren. Er ist der jüngere Bruder von Luise Gesine Behrens und der ältere Bruder von Hinrich Geerken.
Einen Tag vor Diedrichs Geburt weiht Preußens König Wilhelm I. in einem feierlichen Staatsakt die im Jade-Gebiet errichteten Hafenanlagen ein, die von diesem Tag an seinen Namen tragen: Wilhelmshaven. Der 1856 begonnene Bau des Kriegshafens hat eine lange Vorgeschichte. Seit dem Wiener Kongress von 1815 besitzt Preußen keinen Zugang zur Nordsee mehr. Der Schleswig-Holsteinische Krieg von 1848 führt den Machthabern in Berlin auf dramatische Weise vor Augen, welche Konsequenzen das für die aufstrebende Großmacht haben kann: Binnen weniger Tage bringt damals Kriegsgegner Dänemark Preußens Seehandel und den Handel anderer deutscher Staaten zum Erliegen. Im Jade-Vertrag vom 20. Juli 1853 erwirbt das Königreich daraufhin vom Großherzogtum Oldenburg insgesamt 313 Hektar Land am Nordwestufer des Jadebusens und treibt zügig dessen Erschließung voran.
Am Morgen des 17. Juni 1869 trifft Wilhelm von Berlin kommend über Hannover, Bremen und Oldenburg im Jade-Gebiet ein. Der Ort Heppens, Keimzelle der späteren Hafenstadt, ist seit Tagen festlich hergerichtet. Überall wehen Fahnen, drei prachtvolle Ehrenpforten empfangen den König und weitere hochrangige Gäste. Zugegen sind unter anderem Bundeskanzler Otto von Bismarck, Generalstabschef Helmuth von Moltke, Großherzog Nikolaus Friedrich Peter von Oldenburg sowie Kriegsminister Albrecht von Roon, der die Festrede hält. Im Anschluss daran legt Wilhelm den Grundstein zur Elisabethkirche, in den die Taufurkunde für die neue Stadt eingelassen wird. Kuriosum am Rande: Ein Behörden-Mitarbeiter in Berlin hat die Urkunde ursprünglich auf den Namen „Wilhelmshafen“ ausgestellt. Erst nach Einspruch von Hafenbau-Direktor Heinrich Göker, der Minister von Roon vor Ort auf den Fehler aufmerksam macht, erfolgt die Korrektur hin zur niederdeutschen, mit „v“ geschriebenen Variante.
In den folgenden Monaten wird Wilhelmshaven zum Hauptstützpunkt der Marine des Norddeutschen Bundes – und schon bald darauf einer ersten Bewährungsprobe unterzogen. Als im Juli 1870 der Deutsch-Französische Krieg ausbricht, plant Frankreich eine Seeblockade und erwägt sogar Truppenlandungen. Doch die Zufahrten zur Jade sind vermint, eine Beschießung Wilhelmshavens kommt für das französische Nordsee-Geschwader nicht ernsthaft in Frage. Die im August erklärte Blockade bleibt wirkungslos und wird bereits am 10. September 1870 wieder aufgehoben.
Im Juni 1870 gerade ein Jahr alt geworden, ist Diedrich definitiv zu jung für irgendwelche Erinnerungen an die kriegsentscheidende Schlacht von Sedan oder die im Januar 1871 erfolgte Ausrufung König Wilhelms zum deutschen Kaiser im Spiegelsaal von Versailles. Fast allen anderen Menschen in seinem Heimatdorf dürften sich die genannten Ereignisse jedoch nachhaltig ins Gedächtnis eingraben – speist sich doch aus ihnen zum großen Teil der Gründungs-Mythos des Deutschen Reiches. Die Zeugnisse der dadurch freigesetzten nationalen Begeisterung begleiten Diedrich durch seine Kinder- und Jugendjahre, etwa in Form einer auch in Grummersort gepflanzten Friedenseiche oder des alljährlich am 2. September öffentlich gefeierten und in den Schulen thematisierten Sedantages.
Über die Verhältnisse, unter denen Diedrich auf dem elterlichen Hof aufwächst, ist heute nur noch wenig bekannt. Im März 1870 stirbt dort Großmutter Lücke Kreye. Sie hat den vermutlich relativ kleinen Betrieb nach dem Tod ihres Ehemannes Claus Kreye bis zur Einheirat von Johann Hinrich Geerken einige Jahre lang alleine mit der als Einzelkind aufgewachsenen Tochter Mette bewirtschaftet. Diedrichs Vater wiederum stammt aus Munderloh, wo seine Familie bereits seit dem frühen 17. Jahrhundert ansässig ist.
Mag die Gründung des Deutschen Reichs auch eine Welle der nationalen Begeisterung entfacht haben – spätestens mit dem Gründerkrach des Jahres 1873 verebbt diese zu einem großen Teil wieder. Dies gilt vor allem in eher ländlichen Gebieten wie dem Großherzogtum Oldenburg, wo es außerhalb der Landwirtschaft nur wenig Beschäftigungsmöglichkeiten gibt. Die Auswanderung nach Nordamerika erreicht deshalb in den 1880er Jahren einen neuen Höhepunkt. Aus Grummersort emigriert in diesem Jahrzehnt der Datenbank der Oldenburgischen Gesellschaft für Familienkunde zufolge unter anderem Diedrichs mutmaßliche Mitschülerin Bertha Maria Suhr, und auch aus anderen Dörfern der Kirchengemeinde Holle sowie aus der benachbarten Kirchengemeinde Hude sind zahlreiche Beispiele dokumentiert.
Denkt Diedrich nach Konfirmation und Schulentlassung ebenfalls über eine solche Möglichkeit nach? Gemäß Jüngstenrecht wird sein 1873 geborener Bruder Hinrich später einmal die elterliche Hofstelle erben, ihm selbst bleibt dann, sofern er nicht in ein anderes Berufsfeld wechselt, lediglich die Rolle eines Knechts oder Heuermanns. Mögliche Alternativen wären der Beruf des Volksschullehrers, eine Tätigkeit als Arbeiter in Oldenburg oder am aufstrebenden Industrie-Standort Delmenhorst sowie eine Anstellung bei der Großherzoglich Oldenburgischen Staatseisenbahn.
Den in den 1970er Jahren zu Papier gebrachten Erinnerungen seines Sohnes Johann lässt sich entnehmen, dass Diedrich zeitweise tatsächlich bei der Bahn arbeitet. Wann diese Tätigkeit beginnt, ist jedoch offen, und anfangs scheint das Pendel eher in Richtung Emigration auszuschlagen. Ein Grund dafür liegt womöglich in der Heirat seiner ehemaligen Mitschülerin Meta Punke mit Claus Galdas aus Lintel. Aus dessen Schwester Anna und Diedrich nämlich wird Johanns Schilderungen zufolge noch vor Annas Auswanderung im Jahre 1891 ein Paar – mit Diedrichs Versprechen, seiner zukünftigen Ehefrau und deren Schwestern Gesine, Meta, Mathilde und Catharine so bald wie möglich in die USA zu folgen.
Dafür, dass Diedrich nicht sofort seine Sachen packt und mitfährt, kann es mehrere Gründe geben. Vielleicht ist es Geldmangel, vielleicht entlässt ihn das Deutsche Reich auch nicht aus der Staatsbürgerschaft, ehe er den obligatorischen Wehrdienst abgeleistet hat. Letzteres hat einige Jahre zuvor die Ausreise von Claus Galdas verhindert, der ursprünglich ebenfalls auswandern wollte. Durch den Verzicht des jüngeren Bruders kann er dann allerdings nach Wehrdienst und Heirat den Hof seiner Eltern Berend und Beta Galdas (heute: Otto Drieling) übernehmen. Dass auch Diedrich in jenen Jahren um den Dienst an der Waffe nicht vorbeikommt, ist durch die Aufzeichnungen von Johann Geerken belegt.
Die Briefe, die Anna ihrer Familie und Diedrich aus der Neuen Welt schickt, klingen vielversprechend, so dass Diedrichs Auswanderung nur noch eine Frage der Zeit zu sein scheint. Dann jedoch kommt alles anders. Zwischen Januar und März 1894 sterben in Lintel nacheinander Claus‘ Ehefrau, seine beiden an Diphtherie erkrankten Söhne Bernhard und Heinrich und schließlich er selbst. Zurück bleiben Berend und Beta Galdas mit den beiden zu Vollwaisen gewordenen Enkelkindern Bertha und Hermine. Sie wissen sich nicht anders zu helfen als mit einem Appell an die ausgewanderten Töchter, dass doch eine von ihnen zurückkommen möge. Am Ende ist Anna die Einzige, die sich dazu bereiterklärt – obwohl auch sie liebend gern in den USA geblieben wäre.
Mit Annas Rückkehr haben sich Diedrichs Auswanderungspläne erledigt. Beide heiraten am 3. Mai 1895 in Hude und betreiben fortan am Rande des Schnitthilgenlohs den nur wenige Hektar großen Galdas-Hof. Dort bringt Anna in den folgenden Jahren insgesamt fünf Söhne zur Welt: Bernhard (März 1896), Johann (Januar 1897), Carl (Januar 1898), Ludwig (April 1901) und August (März 1903). Im Juli 1896 stirbt Schwiegervater Berend, im Juni 1903 dann auch Schwiegermutter Beta. Bis zu ihrem Schulabschluss weiter mit im Haushalt leben die 1887 und 1888 geborenen Nichten Bertha und Hermine Galdas.
Die wachsende Zahl der Familienmitglieder zwingt Diedrich zu einem Nebenverdienst. Berend und Claus Galdas haben neben der Landwirtschaft noch eine kleine Zimmerei aufgebaut, die Diedrich allerdings nicht fortführt. Stattdessen arbeitet er wie eingangs erwähnt noch bei der Bahn. Eine Doppelbelastung, die für die damalige Zeit keineswegs unüblich ist, Diedrich als Asthmatiker allerdings zunehmend fordert. Nach dem Tod der bis zum Schluss auf dem Hof mithelfenden Schwiegermutter gibt er deshalb die Nebentätigkeit auf und konzentriert sich darauf, durch Kultivierung seine Ackerflächen zu vergrößern. Zudem widmet er sich noch stärker als bisher der Imkerei.
Mehr Freizeit verschafft Diedrich die Neuorientierung freilich nicht. Anfangs ganz im Gegenteil, ist doch die Kultivierung mit viel Aufwand verbunden. Gleiches gilt für den parallel vorgenommenen Umbau des Hauses, um die Stellfläche für das Vieh zu vergrößern. Während der Bauarbeiten erkrankt Ehefrau Anna an Tuberkulose. Sie ist bald darauf nur noch eingeschränkt arbeitsfähig und stirbt im Juli 1908.
Ein Schicksalsschlag, der Diedrich vor schier unlösbare Aufgaben stellt. Mögen die drei älteren der fünf Söhne mittlerweile auch daran gewöhnt sein, einige der früher von der Mutter ausgeführten Arbeiten mitzuverrichten – auf Dauer sind alle Beteiligten mit der Situation überfordert. Mehrere Haushälterinnen kommen und gehen, ehe Diedrichs verwitwete Nachbarin Gesine Margarethe Becker wirksam Abhilfe schafft und ihre zuvor andernorts tätige Tochter Henriette auf den Geerken-Hof holt. Sehr wahrscheinlich mit dem womöglich sogar mit Diedrich abgesprochenen Hintergedanken, das Angestelltenverhältnis früher oder später in eine neue Ehe münden zu lassen. Genauso kommt es. Diedrich und Henriette finden Gefallen aneinander, und am 11. Dezember 1909 stehen beide vor dem Traualtar der St.-Elisabeth-Kirche in Hude. Durch die Geburt von Hans (September 1910) und Gretchen (März 1912) wird Diedrich in den folgenden Jahren noch zweimal Vater.
Im Sommer 1914 bringt der Ausbruch des Ersten Weltkriegs neue Unruhe in die Familie. Diedrichs ältere Söhne, die das Elternhaus bereits verlassen haben, werden zum Militärdienst einberufen und an die Front abkommandiert. Diedrich bekommt sie mitunter viele Monate lang nicht zu Gesicht und kann nur darauf hoffen, sie noch ein weiteres Mal lebend wiederzusehen. Immerhin, das ist ihm bei Kriegsende im November 1918 vergönnt, anders als einigen Nachbarn und Millionen anderen Müttern und Vätern in den beteiligten Nationen. Auf die Rückkehr seines 1917 bei Verdun in französische Gefangenschaft geratenen Sohnes Johann muss er allerdings bis zum Februar 1920 warten.
Seinen 50. Geburtstag im Juni 1919 kann Diedrich nun zwar wie erhofft im Frieden feiern. Doch auch in der auf den Trümmern des Kaiserreichs errichteten Weimarer Republik bleiben die Zeiten unruhig. Dafür sorgt neben diversen Umsturzversuchen vor allem die immer stärker aus dem Ruder laufende Geldentwertung. Als sie endlich unter Kontrolle ist, kündigt sich auf dem Geerken-Hof noch ein letztes Mal Nachwuchs an: Im April 1925 macht Diedrichs und Henriettes zweiter Sohn Walter die Familie komplett.
Von Diedrichs Söhnen aus der ersten Ehe kehrt niemand dauerhaft nach Lintel zurück. Bernhard, Johann und Ludwig treten in Oldenburg in den Polizeidienst ein, Carl wird in der Hauptstadt des neu entstandenen Freistaats Oldenburg Verwaltungsbeamter. August, in der Erbfolge des Geerken-Hofes an erster Stelle stehend, zeigt ebenfalls wenig Interesse an der Landwirtschaft und wandert 1925 in die USA aus. Dort fasst er im Umfeld seines Onkels David Dangel, der im Bundesstaat Delaware ein Baugeschäft führt, rasch Fuß. Die im Herbst 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise sorgt jedoch in der einstigen Boom-Branche für einen drastischen Konjunktureinbruch, so dass August nur ein Jahr später nach Deutschland zurückkehrt.
Für Diedrich bleibt die Rückkehr nicht ohne Folgen. August benötigt Kapital für eine geplante Selbstständigkeit, weshalb er auf einen Verkauf des Geerken-Hofes drängt. Notgedrungen pachtet Diedrich daraufhin 1932 rund zehn Kilometer nördlich von Lintel in Moordorf eine andere, heute nicht mehr bestehende Hofstelle. Fünf Jahre später kauft er in der Nähe von Großenmeer noch einmal ein eigenes Anwesen und betreibt dort mit Henriette und dem jüngsten Sohn Walter weiter in kleinem Rahmen Landwirtschaft.
Diedrichs letzte Lebensjahre sind zum einen geprägt von der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die die demokratisch legitimierte Weimarer Republik 1933 binnen weniger Monate in einen diktatorisch regierten Unrechtsstaat verwandeln. Zum anderen aber auch vom weiteren Anwachsen der Familie: Zu den bereits 1926 und 1929 geborenen Enkelkindern Wolfgang und Manfred kommen bis 1939 mit Brunhilde, Egon, Edo, Marianne, Maike, Horst, Jürgen, Renate, Bernd und Hille noch zehn weitere hinzu.
Als Diedrichs Sohn Hans im August 1939 ein Stellungsbefehl der Wehrmacht ins Haus flattert, ahnen vermutlich beide noch nicht, dass mit dem deutschen Überfall auf Polen nur wenige Wochen später ein weiterer Weltkrieg seinen Anfang nimmt. Dessen Ende erlebt Diedrich nicht mehr mit: Er stirbt am 19. März 1940 und wird sechs Tage später auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude beerdigt.