Gesine Margarethe Becker – Biographie

Gesine Margarethe Becker wird am 10. September 1851 als drittes Kind von Johann Hinrich Lange und Anna Lange auf dem elterlichen Hof in Hurrel (heute: Hajo und Dagmar Mehrings) geboren. Sie ist die jüngere Schwester von Meta Gesine Meyer und Johann Lange und die ältere Schwester von Catharine Wilhelmine Griepenkerl und Mathilde Elise Wachtendorf.

Acht Tage nach Gesine Margarethes Geburt erscheint in den USA die erste Ausgabe der Tageszeitung „New York Daily Times“. Die Herausgeber Henry Jarvis Raymond und George Jones haben ihr Handwerk beim einflussreichen Verleger Horace Greeley gelernt und suchen einen publizistischen Mittelweg zwischen Greeleys betont idealistischer „New York Tribune“ und dem eher sensationslüsternen „New York Herald“. Über allem steht jedoch die politische Unabhängigkeit, wie Raymond und Jones in einer auf Seite 2 abgedruckten Redaktions-Erklärung betonen: „Wir sind konservativ, wenn wir Bewahren für das öffentliche Wohl für unverzichtbar halten, und wir sind radikal in allem, was unserer Auffassung nach eine radikale Behandlung und radikale Reform erfordert.“

Das Konzept kommt an. Bis zum Ende des ersten Geschäftsjahres steigt die verkaufte Auflage der „New York Daily Times“ von 10.000 auf 26.000 Exemplare. Zum Erfolg trägt allerdings nicht nur die von Beginn an hohe Glaubwürdigkeit bei, sondern auch der bewusst niedrig angesetzte Verkaufspreis von nur einem Cent pro Ausgabe. Weil das kaum ausreicht, um Gewinn zu erwirtschaften, verdoppeln Raymond und Jones im zweiten Geschäftsjahr Umfang und Preis. Das führt zunächst zu einem spürbaren Einbruch bei den Verkaufszahlen. Letztlich kann sich die Auflage aber stabilisieren, denn der Bedarf ist da: Zwischen 1840 und 1860 verdreifacht sich New Yorks Bevölkerung auf 1,2 Millionen Einwohner. Mit ihr wächst auch der Hunger auf Nachrichten.

Diesseits des Atlantiks hat das Zeitungswesen in den Jahren vor Gesine Margarethes Geburt ebenfalls einen spürbaren Aufschwung genommen – ausgelöst durch die 1848 begonnene Märzrevolution, die in zahlreichen Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes die in den USA längst selbstverständliche Pressefreiheit hervorbringt. Nach der Auflösung der Frankfurter Nationalversammlung im Juni 1849 schlägt das Pendel jedoch wieder zurück. Der von Preußen und Österreich beantragte Bundesreaktionsbeschluss vom 23. August 1851 kassiert neben anderen Grundrechten auch die Pressefreiheit wieder ein. In Gesine Margarethes Heimatregion, dem Großherzogtum Oldenburg, trifft das unter anderem die liberal gesinnte Neugründung „Der Oldenburgische Volksfreund“, die im Juli 1852 ihr Erscheinen einstellt.

Ob je ein Exemplar des kurzlebigen „Volksfreunds“ den Weg nach Hurrel gefunden hat? Darüber lässt sich nur spekulieren. Ebenso darüber, ob es dort oder in Nachbardörfern wie Lintel und Altmoorhausen überhaupt nennenswerte Sympathien für die Ideale der Frankfurter Parlamentarier gibt. Unstrittig ist jedoch, dass sich vor Ort die Lebensverhältnisse der ganz überwiegend in der Landwirtschaft beschäftigten Bevölkerung in den 1850er Jahren nicht bessern. Von wachsender Armut bedroht sind vor allem Heuerlinge und ihre Familien, aber auch alle nicht-erbberechtigten Kinder auf Bauernhöfen. Viele von ihnen suchen in den folgenden Jahrzehnten ihr Heil in der Auswanderung nach Nordamerika.

Bleiben oder gehen? Eine Frage, die sich Anfang der 1840er Jahre auch Gesine Margarethes Vater gestellt haben könnte. Als abgehender Sohn eines heute nicht mehr existierenden Linteler Hofes (Nr. 26 in der Dorf-Chronik von Walter Janßen-Holldiek) fristet Johann Hinrich Lange anfangs ebenfalls als Heuerling sein Dasein, seine erste Ehefrau stirbt 1842 nur fünf Monate nach der Hochzeit in Vielstedt. Doch mit der zweiten Ehe wendet sich das Blatt. Kurz nach der Geburt von Gesine Margarethes älterer Schwester im März 1847 erhält er die Chance, im Zentrum von Hurrel die eingangs verlinkte, 1676 von Hinrich Deters begründete Brinksitzerei zu kaufen. Zwar stirbt der dort im April 1849 geborene Sohn Johann nach nur 13 Monaten. Außer Gesine Margarethe erreichen aber auch alle ihre Schwestern das Erwachsenenalter, und neben der Landwirtschaft etabliert Johann Hinrich Lange in Hurrel zudem rasch einen vermutlich durchaus lukrativen Nebenerwerb: Schon bei der Geburt von Gesine Margarethes Schwester Catharine Wilhelmine im Januar 1854 listet ihn das Taufregister der Gemeinde Hude nicht mehr nur als Brinksitzer, sondern auch als Gastwirt.

In beide Gewerbe dürfte Gesine Margarethe von frühen Kindesbeinen an eingebunden sein – vermutlich bereits vor ihrer Einschulung in die gemeinsam mit dem Nachbardorf Lintel betriebene Volksschule im Frühjahr 1858. Dort gehören unter anderem Anna Katharina Ahrens und Katharine Rüscher zu ihren in etwa gleichaltrigen Mitschülerinnen. Über die Jahre nach Schulabschluss und Konfirmation ist aus Gesine Margarethes Leben heute nichts mehr bekannt. Das gilt auch für die Umstände, unter denen sie und ihr künftiger Ehemann Diedrich Becker ein Paar werden. Beide geben sich am 4. April 1875 in Hude das Jawort. Nur drei Tage später bringt Gesine Margarethe in Maibuschermoor die erste gemeinsame Tochter Mathilde zur Welt. Diedrich Becker ist 1847 in Kirchkimmen geboren, seine Eltern stammen aus der Gemeinde Ganderkesee und sind allem Anschein nach ebenfalls Heuerleute. Eine Zeitlang haben sie auch in Hurrel gewohnt, dort ist jedenfalls 1852 Diedrichs Bruder Albert Hinrich geboren. Nicht ausgeschlossen also, dass Gesine Margarethe und Diedrich sich bereits seit frühester Kindheit kennen.

Wo genau Gesine Margarethe und Diedrich in Maibuschermoor leben, liegt heute im Dunkeln. Auf jeden Fall vergrößern dort zwei weitere Kinder die Familie: Johann (Juni 1876) und Adele Elise (September 1877). Carl Jacob (August 1879) und Henriette (September 1881) wiederum kommen in Berne zur Welt, und Geburtsort der drei jüngsten Kinder Hermann (März 1884), Heinrich (Juli 1887) und Georg Diedrich Martin (Juni 1894) ist Lintel. Über eigenen Grundbesitz im Dorf verfügen Gesine Margarethe und Diedrich ganz offensichtlich nicht, als Berufsbezeichnung im Huder Taufbuch findet sich für Diedrich stets der Eintrag „Heuermann“.

Irgendwann nach der Geburt des jüngsten Sohnes verlässt die Familie Lintel noch einmal, denn der nächste heute öffentlich zugängliche Eintrag in einem kirchlichen Register ist Diedrich Beckers Sterbenotiz im Kirchenbuch der Gemeinde Berne. Gesine Margarethes Ehemann stirbt am 29. Juli 1899 in Neuenkoop an Schwindsucht, einem damals weitverbreiteten Synonym für Tuberkulose. Die auf einem Datenblatt der Oldenburgischen Gesellschaft für Familienkunde (OGF) vermerkte Berufsbezeichnung („Bahnhofsportier“) liefert eine auf den ersten Blick einleuchtende Erklärung für den erneuten Wohnortwechsel. Demnach scheint es Diedrich kurz vor seinem Tod noch gelungen zu sein, eine Anstellung bei der Großherzoglich Oldenburgischen Eisenbahn zu bekommen, mutmaßlich inklusive Dienstwohnung. Das würde auch erklären, warum Gesine Margarethe zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder in Lintel lebt – muss sie doch vermutlich ziemlich kurzfristig die erst einige Jahre zuvor bezogene Dienstwohnung für Diedrichs Nachfolger räumen.

Der Haken an dieser eigentlich schlüssigen Geschichte: Im Original des Berner Kirchenbuchs (abrufbar über Archion) lautet die Berufsbezeichnung für Diedrich Becker bei seinem Tod nach wie vor „Heuermann“. Das passt nicht recht zusammen, und woher die davon abweichende Information der OGF stammt, bleibt ein wenig rätselhaft. Dass Gesine Margarethe und Diedrich 1899 ihren Wohnsitz in Neuenkoop haben, ist jedoch unstrittig. Dasselbe gilt für Gesine Margarethes spätere Rückkehr nach Lintel. Aus den Erinnerungen des 1897 geborenen Lintelers Johann Geerken geht hervor, dass sie und ihr jüngster Sohn in unmittelbarer Nachbarschaft des damaligen Geerken-Hofes (heute: Otto Drieling) wohnen. Auch Tochter Mathilde lebt ganz in der Nähe: Sie kümmert sich auf dem Hof des Witwers Heinrich Abel (heute: Helge und Anke Abel) um dessen Haushalt und die vier minderjährigen Kinder.

Heinrich Abel ist 1849 geboren, Gesine Margarethe 1851; beide sind Nachbarn und haben Kinder zu versorgen. Der Gedanke an eine zweite, vom Schicksal zusammengeführte Ehe liegt da nahe. Mag dies damals in vielen vergleichbaren Fällen der Lauf der Dinge sein, hier kommt es nicht so. Gleichwohl darf man annehmen, dass Gesine Margarethe bei der Einfädelung einer anderen Zweit-Ehe eine aktive Rolle einnimmt. Als nämlich im Sommer 1908 die Mutter von Johann Geerken an Tuberkulose stirbt, bringt sie irgendwann 1909 bei dessen Vater Diedrich ihre zu diesem Zeitpunkt andernorts arbeitende Tochter Henriette als Haushälterin ins Spiel. Wenig später sind Diedrich Geerken und Henriette ein Paar, sie heiraten im Dezember 1909. Dieser Ehe entstammen Gesine Margarethes 1910 und 1912 geborene Enkelkinder Hans und Gretchen.

Auch der älteste der in Lintel geborenen Söhne, Hermann, wohnt am Vorabend des Ersten Weltkriegs noch oder wieder im Dorf und arbeitet nachweislich bei der Bahn – vielleicht rührt daher das Missverständnis bei der OGF. Er heiratet im März 1913 Hermine Buchholz aus Grummersort. Aus dieser Ehe kommen für Gesine Margarethe 1913 und 1914 mit Diedrich Heinrich Georg und Johann Adolf zwei weitere Enkelkinder hinzu. Wie sie den Kriegsausbruch im August 1914 erlebt und ob ihre Söhne zur kaiserlichen Armee einberufen werden, ist nicht überliefert. Falls ja, so kehren bei Kriegsende 1918 alle fünf unversehrt in die Heimat zurück. Die Geburt von Hermanns und Hermines drittem Sohn Martin Johannes 1917 macht Gesine Margarethe in dieser schicksalhaften Zeit ein weiteres Mal zur Großmutter.

Die folgenden, durch enorme politische und wirtschaftliche Turbulenzen geprägten Jahre dürften Gesine Margarethe vor allem durch die Geburt weiterer Enkelkinder im Gedächtnis bleiben. Aus Hermanns und Hermines Ehe gehen in dieser Zeit Alwine Elfriede (1920) und Herta Gesine (1923) hervor. Der zweitjüngste Sohn Heinrich heiratet im Dezember 1920 Martha Möller aus Kleefeld bei Edewecht. Aus dieser Verbindung entstammen Gesine Margarethes ebenfalls in Lintel aufwachsenden Enkelkinder Else (1921), Helmut (1922), Käte (1923) und Elfriede (1927). Auch Diedrich und Henriette Geerken bekommen noch einmal Nachwuchs, ihr drittes Kind Walter wird am 20. April 1925 geboren.

Welche Bedeutung dieser wenige Jahre später zum „Führergeburtstag“ hochstilisierte Tag in der deutschen Geschichte einmal haben wird, erlebt Gesine Margarethe nicht mehr mit: Sie stirbt am 7. Juli 1927 und wird vier Tage später auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude beerdigt.