Henriette Geerken – Biographie

Gesine Henriette Geerken – Rufname Henny – wird am 28. September 1881 als fünftes Kind von Diedrich Becker und Gesine Margarethe Becker in Berne geboren. Sie ist die jüngere Schwester von Mathilde Becker, Johann Becker, Adele Elise Schonvogel und Carl Jacob Becker und die ältere Schwester von Hermann Becker, Heinrich Becker und Georg Diedrich Martin Becker.

Zwei Tage vor Hennys Geburt wird in Cleveland der nach einem Attentat verstorbene US-Präsident James Garfield beigesetzt. Der Beisetzung geht eine mehrtägige Zeremonie voraus. Nach der Aufbahrung in der Rotunde des Kapitols und einem Staatsakt am 23. September in Washington wird Garfields Sarg per Sonderzug nach Ohio überführt. In Cleveland steht er ab dem 24. September unter einem eigens errichteten Pavillon auf dem Public Square. Schätzungen zufolge kommen bis zu 250.000 Menschen, um den Sarg zu sehen – bei damals etwa 150.000 Einwohnern der Stadt. Die Trauerfeier, an der neben Ex-Präsident Rutherford Hayes zahlreiche Senatoren und Kongress-Abgeordnete teilnehmen, beginnt am 26. September um 10 Uhr. Die Trauerrede hält Isaac Errett, ein langjähriger Freund des Toten. Anschließend folgt der Trauerzug dem von zwölf schwarzen Pferden gezogenen Leichenwagen über die Euclid Avenue fünf Meilen weit zum Lake View Cemetery, wo der Sarg in einer provisorischen Gruft beigesetzt wird.

Das Attentat, das Garfield das Leben kostet, liegt bereits mehr als elf Wochen zurück. Die beiden Schüsse, die der offenbar geistig verwirrte Angreifer Charles J. Guiteau am Morgen des 2. Juli 1881 am Bahnhof von Washington auf ihn abfeuert, sind nicht unmittelbar tödlich. Eine Kugel streift ihn nur, die andere dringt in den Rücken ein. Garfield wird ins Weiße Haus gebracht, wo mehrere Ärzte mit bloßen Händen und unsterilen Instrumenten nach der Kugel suchen – die Wunde infiziert sich. Während die Zeitungen im ganzen Land täglich über seinen Zustand berichten, wird er auf eigenen Wunsch am 6. September an die Küste von New Jersey gebracht. Dort, in Elberon, stirbt er am späten Abend des 19. September.

Durch einen Ausruf Guiteaus bei seiner Festnahme („Arthur wird Präsident sein“) gerät Vizepräsident Chester Arthur in den Verdacht, in den Anschlag involviert zu sein. Obwohl sich diese Vermutung nie bestätigt, erhält Arthur Morddrohungen und muss polizeilich geschützt werden. In den folgenden Wochen scheut er jeden Anschein, nach dem Amt greifen zu wollen und lehnt es deshalb ab, wegen Garfields Regierungsunfähigkeit vorzeitig zum amtierenden Präsidenten ernannt zu werden. Nach dessen Tod führt daran jedoch kein Weg mehr vorbei. In der Folge ist Arthur darauf bedacht, Kontinuität zu signalisieren und von Garfield angestrebte Reformen wie die Schaffung eines professionellen Beamtentums zu unterstützen. Das verschafft ihm zwar vielerorts Respekt, stößt aber einflussreiche republikanische Parteifreunde vor den Kopf. Als einer von nur fünf amtierenden Präsidenten in der US-Geschichte verliert er vor der nächsten turnusmäßigen Wahl den parteiinternen Nominierungs-Wettkampf und tritt nicht mehr an.

Als der an Arthurs Stelle nominierte Kandidat James Blaine am 4. November 1884 seinem demokratischen Herausforderer Grover Cleveland unterliegt, wohnt Hennys Familie bereits nicht mehr in Berne. Vater Diedrich verfügt allem Anschein nach über keinen eigenen Grundbesitz und arbeitet als Heuermann mit des Öfteren wechselndem Wohnsitz. Bis mindestens 1877 ist es Maibuschermoor, wo die ersten drei Kinder geboren sind, spätestens von 1884 an dann Lintel. Hier kommen bis 1894 Hennys jüngere Brüder zur Welt, hier besucht sie auch die gemeinsam mit dem Nachbardorf Hurrel betriebene Volksschule. Zu ihren in etwa gleichaltrigen Mitschülerinnen gehören unter anderem Meta Barkemeyer, Bertha Mathilde Gode, Annchen Hoffrogge, Mathilde Lüning und Gesine Runge.

Wo genau in Lintel Henny mit ihrer Familie wohnt, liegt heute im Dunkeln. Ihre Eltern und die jüngeren Brüder ziehen irgendwann weiter nach Neuenkoop. Dort stirbt im Juli 1899 Diedrich Becker, mutmaßlich an Tuberkulose. Henny selbst, inzwischen 17 Jahre alt, lebt zu diesem Zeitpunkt sehr wahrscheinlich nicht mehr im elterlichen Haushalt. Als daraufhin ihre verwitwete Mutter und zumindest der jüngste Bruder nach Lintel zurückkehren, scheint Henny ebenfalls nicht dabei zu sein. Möglicherweise arbeitet sie in den Jahren vor und nach der Jahrhundertwende in irgendeinem Haushalt oder auf irgendeinem Hof im Einzugsbereich der Residenzstadt Oldenburg, vielleicht auch in der Wesermarsch.

Der zweite Aufenthaltsort von Mutter Gesine Margarethe in Lintel lässt sich etwas leichter eingrenzen als der erste. So schreibt der gebürtige Linteler Johann Geerken in seinen Kindheitserinnerungen, dass „Tante Becker“ um das Jahr 1908 herum ganz in der Nähe des Geerken-Hofes (heute: Otto Drieling) wohnt. Auch Hennys ältere Schwester Mathilde lebt zu dieser Zeit in Lintel, als Haushälterin auf dem Hof des Witwers Heinrich Abel (heute: Helge und Anke Abel). Als die Mutter von Johann Geerken stirbt und Vater Diedrich seinerseits eine Haushaltshilfe sucht, kommt Henny ins Spiel. Tritt sie die Stelle im Bewusstsein an, dass sich sowohl ihre Mutter als auch Diedrich Geerken allem Anschein nach mehr von diesem Engagement erhoffen? Knapp 120 Jahre später lässt sich das kaum seriös beantworten. Wie auch immer: Der Plan – sofern es denn einer war – geht auf. Henny und Diedrich werden ein Paar und stehen am 11. Dezember 1909 in Hude vor dem Traualtar.

Dass Johann Geerken und seine Brüder Bernhard, Carl, Ludwig und August angesichts der Trauer um die verstorbene Mutter anfangs ein eher distanziertes Verhältnis zur neuen Ehefrau ihres Vaters haben, ist nachvollziehbar. Nach und nach glätten sich jedoch die Wogen, und schon bald bekommt die Familie weiteren Zuwachs. Im September 1910 bringt Henny Sohn Hans zur Welt, im März 1912 Tochter Gretchen. Danach machen die wachsenden Spannungen zwischen den europäischen Großmächten den Kontinent mehr und mehr zu einem Pulverfass. Die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo entzündet eine Lunte, die sich allen hektischen Bemühungen zum Trotz nicht mehr austreten lässt: Am 1. August 1914 beginnt der Erste Weltkrieg.

Wie Henny, Diedrich und die noch im Haushalt lebenden Kinder die folgenden Jahre in Lintel konkret erleben, ist nicht überliefert. Die drei älteren, zur kaiserlichen Armee eingezogenen Stiefsöhne kehren von den verschiedenen Kriegsschauplätzen heil zurück, Johann allerdings erst Anfang 1920 nach überstandener französischer Gefangenschaft. Er tritt danach in Oldenburg in den Polizeidienst ein, ebenso wie seine Brüder Bernhard und Ludwig. Carl zieht ebenfalls nach Oldenburg und arbeitet dort in der Verwaltung. August, als jüngster Sohn aus erster Ehe Grunderbe auf dem Geerken-Hof, liebäugelt trotz überstandener Hyperinflation mit einer Übersiedelung nach Nordamerika, wo mehrere seiner bereits eine Generation zuvor ausgewanderten Tanten leben. Er verlässt Lintel im März 1925 – einen Monat, bevor Henny mit der Geburt von Walter ein drittes und letztes Mal Mutter wird.

Trotz seiner Auswanderung bleibt August Geerken Grunderbe. Als die im Herbst 1929 in den USA beginnende Weltwirtschaftskrise ihn zurück nach Deutschland führt, pocht er auf den Verkauf des Hofes, um sich mit dem Erlös selbstständig machen zu können. Für Henny, Diedrich und ihre drei Kinder zieht das den Umzug auf einen heute nicht mehr bestehenden Pachthof in Moordorf nach sich. Dort erlebt die Familie den radikalen Wandel der Weimarer Republik zum NS-Staat. Zwei Monate nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 heiratet Sohn Hans Alma Küpker aus Wüsting. Tochter Gretchen wiederum heiratet im April 1935 Hermann Ahlers aus Osternburg. Mit Edo (August 1935), Marianne (Mai 1936) und Horst (Februar 1937) gehen aus den beiden Ehen für Henny und Diedrich bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs drei Enkelkinder hervor.

Im Laufe des Jahres 1937 kaufen Diedrich und Henny noch einmal einen eigenen kleinen, in der Nähe von Großenmeer gelegenen Hof. Für Diedrich ist es nur noch eine kurze Lebensstation: Er stirbt im März 1940, sechs Monate nach dem deutschen Überfall auf Polen und drei Wochen vor dem Überfall auf Dänemark und Norwegen. Walter Geerken hat zu diesem Zeitpunkt bereits eine Lehre zum Verwaltungsangestellten bei der Gemeinde Moorriem begonnen. Um Henny zu unterstützen, zieht Hans Geerken mit Ehefrau Alma und Tochter Marianne vorübergehend nach Großenmeer. Schon bald darauf muss er jedoch wieder zur Wehrmacht einrücken. Nach Einsätzen in Oberösterreich und auf Sizilien gerät er im Zuge der Alliierten Invasion Italiens in amerikanische Gefangenschaft, Henny wird ihn erst 1946 wiedersehen. Zu ihrer Erleichterung haben auch Walter und Schwiegersohn Hermann Ahlers den im Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht zu Ende gegangenen Krieg lebend überstanden.

Die Geburt von Hans‘ und Almas zweiter Tochter Ursel macht Henny im März 1948 ein viertes Mal zur Großmutter. In den folgenden Jahren lebt sie weiter auf ihrem seit 1940 nur noch auf kleiner Flamme bewirtschafteten Hof, den Hans und Alma in den 50er Jahren reaktivieren. Im August 1953 heiratet Walter Geerken Else Kahle aus Barghorn – eine Verbindung, die für Henny jedoch ohne weitere Enkelkinder bleibt. Schon im Frühjahr 1953 haben Tochter Gretchen und Schwiegersohn Hermann in Ritzenbüttel ein Einfamilienhaus gekauft, in dem Henny oft und gern zu Gast ist.

Im September 1961 feiert Henny bei vergleichsweise guter Gesundheit ihren 80. Geburtstag. Vor diesem Hintergrund kommt ihr plötzliches Ende unerwartet: Als sie am 3. April 1964 wieder einmal in Ritzenbüttel bei Gretchen und Hermann zu Besuch weilt, erleidet Henny einen Herzstillstand und stirbt noch an Ort und Stelle. Beerdigt ist sie fünf Tage später auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude.