Alwine Runge – Biographie

Alwine Gesine Runge wird am 13. Dezember 1905 als zweites Kind von Diedrich Runge und Gesine Runge in Lintel geboren. Sie ist die jüngere Schwester von Heinrich Runge und die ältere Schwester von Frieda Kück und Emma Schwarting.

In den Tagen um Alwines Geburt kommt es in den Ostsee-Provinzen des Russischen Reichs zu einem Aufstand, bei dem hunderte Gutshäuser und Schlösser in Brand gesteckt und geplündert werden. Diese gehören fast ausnahmslos deutsch-baltischen Großgrundbesitzern, die dort seit Jahrhunderten die Oberschicht bilden. Zum einen wiederholt sich dadurch, was das ganze Jahr hindurch schon in anderen Teilen des Reiches zu beobachten ist: Die Angreifer sind meist mittellose estnische und lettische Landarbeiter, die eine gerechtere Verteilung des Eigentums fordern und sich durch die anfänglichen Erfolge der Revolutionäre um Wladimir Iljitsch Lenin bei den Anfang 1905 ausgebrochenen Unruhen in ihrem Tun ermutigt fühlen. Zum anderen geht die Gewalt aber auch von radikalen Nationalisten aus, die das Baltikum sowohl von russischen als auch von deutschen Einflüssen befreien wollen.

Die Spuren der mit dem Schwertbrüderorden gen Osten gewanderten Deutsch-Balten lassen sich in der Region bis ins späte 12. Jahrhundert zurückverfolgen. Von da an läuten prominente Vertreter wie Albert von Buxthoeven oder diverse Mitglieder des Adelsgeschlechts Zur Mühlen die Blütezeit von später der Hanse angehörenden Städten wie Riga oder Reval ein. In der das Mittelalter ablösenden Neuzeit bleibt die deutschsprachige Bevölkerungsgruppe ein bedeutender Machtfaktor – auch, als das Baltikum im 18. Jahrhundert an Russland fällt. Die jeweils regierenden Herrscher gewähren ihr über lange Zeit eine weitgehende Autonomie und können im Gegenzug auf loyale Unterstützung vertrauen.

Obwohl das von Zar Nikolaus II. aus St. Petersburg entsandte Militär die Ruhe rasch wiederherstellt, bleibt bei vielen Gutsbesitzern ein Gefühl der latenten Bedrohung. Manche von ihnen beschäftigen deshalb nur noch aus anderen Teilen Russlands angeworbene deutsche Kolonisten als Landarbeiter. Andere wiederum sehen in der angestammten Heimat keine Zukunft mehr und wandern Richtung Deutschland ab. Vor diesem Hintergrund bleibt das Baltikum am Vorabend des Ersten Weltkriegs ein latenter Unruheherd.

Berichte über Angriffe auf Balten-Deutsche nehmen im Dezember 1905 auch in den Zeitungen des Großherzogtums Oldenburg breiten Raum ein. Für die bäuerliche Bevölkerung der umliegenden Dörfer ist das Thema aber vermutlich ohne besondere Relevanz – zu weit liegen Orte wie Hapsal, Hasenpoth oder Pilten entfernt, und zu unterschiedlich sind die sozialen Strukturen. Großgrundbesitzer geschweige denn Gutsherren etwa gibt es rund um Oldenburg nur sehr wenige, der Anteil an selbst bewirtschaftetem Eigentum ist trotzdem oder gerade deshalb sehr hoch.

Diedrich und Gesine Runge gehört in Lintel ein seit 1835 in Familienbesitz befindlicher Hof (heute: Hartwig Kück), der jedoch nicht viel mehr als das Nötigste zum Leben abwirft. Dass Alwine unter diesen Umständen wie auch ihr ein Jahr älterer Bruder Heinrich von Kindesbeinen an kräftig mit anpacken muss, versteht sich von selbst. Doch in der Volksschule Lintel, die sie von 1912 an besucht, ist das eher die Regel als die Ausnahme. Für außerschulische Treffen mit in etwa gleichaltrigen Klassenkameradinnen wie Martha Lampe, Käthe Quitsch oder Gesine Wachtendorf bleibt da vermutlich wenig Zeit.

Mag das unbeschwerte Kindsein für zu Beginn des 20. Jahrhunderts Geborene schon generell recht kurz kommen, so verfliegt bei den meisten Angehörigen dieser Generation spätestens mit Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914 auch noch der letzte Funke an Leichtigkeit. Väter und ältere Brüder ziehen an die Front, und manche von ihnen wie Hermann Quitsch, Georg Hoffrogge oder Hinrich Reil kehren nicht zurück. Die damit verbundenen Sorgen beziehungsweise Tränen in der Familie bleiben Alwine glücklicherweise erspart: Diedrich Runge ist für einen Kriegseinsatz zu alt, Heinrich Runge noch zu jung.

Sehr viel einfacher wird es für die Davongekommenen und ihre Angehörigen aber auch nach dem 1918 geschlossenen, die deutsche Niederlage besiegelnden Waffenstillstand von Compiègne nicht. Der 1919 von den Siegermächten diktierte Friede von Versailles bürdet der gerade erst ausgerufenen Weimarer Republik schwere Lasten auf. Es folgen mehrere Putschversuche und eine beispiellose Geldentwertung. Deren oftmals absurd anmutenden Begleitumstände brennen sich allen, die sie bewusst miterleben müssen, tief ins Gedächtnis.

Kommt Alwine in dieser Situation möglicherweise die Idee, es ihrer Schulkameradin Martha Lampe und den Mit-Konfirmandinnen Sophie Albers und Martha Wachtendorf gleichzutun und ihr Heil in der Hollandgängerei zu suchen? Ausgeschlossen ist das nicht, ein solcher Gedanke muss rund 100 Jahre später allerdings Spekulation bleiben. Was hingegen gesichert ist: Irgendwann in den 1920er Jahren verlässt Alwine ihr Elternhaus und geht nach Wangerooge, um dort als Saisonkraft in der Küche und im Service eines Hotels zu arbeiten. Eine über viele Jahre hinweg beibehaltene Dauerstellung, wenn auch nur während der Sommermonate.

Den größten Teil des Jahres verbringt Alwine während dieser Zeit weiter in Lintel. Dort erlebt sie im Januar 1933 die Machtübernahme der Nationalsozialisten und knapp 15 Monate später den frühen Tod ihrer Mutter: Gesine Runge erliegt in einem Oldenburger Krankenhaus mit nur 60 Jahren einer Herzschwäche. Vater Diedrich, zu diesem Zeitpunkt 63 Jahre alt, bleibt danach zwar Eigentümer des Hofes, überträgt aber seinem Sohn Heinrich mehr und mehr Verantwortung. Alwines Bruder spezialisiert sich daraufhin auf den recht einträglichen Nebenerwerb der Bienenzucht, während sie selbst – sofern vor Ort – den Vater und ihre zwei Schwestern bei der Stall- und Feldarbeit unterstützt.

Im Dezember 1935 feiert Alwine in Lintel ihren 30. Geburtstag – macht aber im Gegensatz zu den zuvor genannten Schulkameradinnen und Mit-Konfirmandinnen keine Anstalten, eine Ehe einzugehen. Womit sie sich auf dem Runge-Hof durchaus in guter Gesellschaft befindet: Auch ihre drei Geschwister sind zu Beginn des am 1. September 1939 vom deutschen Überfall auf Polen ausgelösten Zweiten Weltkriegs noch ledig. Zwei Monate später heiratet Frieda Runge allerdings im Rahmen einer eilig organisierten Kriegstrauung Klaus Kück, den zur Wehrmacht einberufenen Vater ihres im Januar 1940 zur Welt kommenden Sohnes Hartwig. Vielleicht ist es gerade das, was Alwine in jenen abermals schicksalsträchtigen Jahren partout vermeiden will: ihr Herz an einen Mann zu verlieren, der schon bald nach dem Ja-Wort sein Leben für „Führer, Volk und Vaterland“ lassen muss.

Klaus Kück übersteht den Krieg, nicht jedoch seine Ehefrau: Alwines an Tuberkulose erkrankte Schwester stirbt im April 1944 in einem Oldenburger Krankenhaus. Zusammen mit Schwester Emma kümmert sich Alwine fortan um Friedas Sohn Hartwig. Dieser wird sie später als „die resolutere“ der beiden Tanten beschreiben, unter deren Obhut er auch nach der Rückkehr des Vaters (Klaus Kück heiratet später Minna Vosteen und siedelt auf deren Hof nach Kirchkimmen über) verbleibt.

An der Arbeitsteilung auf dem Runge-Hof ändert sich in den folgenden Jahren zunächst nichts: Heinrich kümmert sich weiter um seine florierende, weit über die Grenzen Lintels hinaus bekannte Bienenzucht. Alwine, Emma und – soweit seine schwindenden Kräfte es zulassen – Senior Diedrich Runge erledigen derweil den Rest. Dann jedoch verschieben sich die Konstellationen. Im Juli 1956 tritt Heinrich Runge, inzwischen 51 Jahre alt, doch noch vor den Traualtar. Der rund einen Kilometer weiter nordöstlich gelegene Hof seiner Ehefrau Herta Kläner wird für Alwines Bruder nach und nach zum neuen Lebensmittelpunkt. Schwester Emma heiratet im September 1957 Emil Schwarting aus Vielstedt und verlässt bald darauf Lintel. Im November 1959 stirbt Diedrich Runge im Alter von 89 Jahren. So kommt es, dass am Ende des Wirtschaftswunder-Jahrzehnts nur noch Alwine und Neffe Hartwig ihren festen Wohnsitz auf dem Hof haben.

Hartwig Kück, von Großvater Diedrich angesichts Heinrichs Kinderlosigkeit zum Nachfolger bestimmt, konzentriert sich in den folgenden Jahren vor allem auf die Schweinezucht. Im Februar 1968 heiratet er Christa Halle aus Tweelbäke. Die folgenden Wochen – für viele Zeitzeugen untrennbar mit dem Höhepunkt der bundesdeutschen Studentenproteste nach dem Attentat auf deren Wortführer Rudi Dutschke verbunden – sind auf dem Runge-Hof angesichts von Christas bereits weit fortgeschrittener Schwangerschaft eine Zeit der freudigen Erwartung. Am 18. April dann die schreckliche Nachricht, die Alwine genauso schockiert wie alle anderen, die dem jungen Paar nahestehen: Aufgrund außer Kontrolle geratener Komplikationen sterben Christa und ihr Baby kurz vor der Geburt im Peter Friedrich Ludwigs Hospital in Oldenburg.

Obwohl von Dezember 1970 an offiziell Rentnerin, tritt Alwine auch im nächsten Jahrzehnt kaum kürzer. Zwar ist die Zeit der herbstlichen Hausschlachtungen, in der die ganze Familie oft tagelang das frische Schweinefleisch verarbeitet, vorbei. Auf dem Hof und im Haushalt gibt es jedoch zu allen Tages- und Jahreszeiten etwas zu tun. Im Frühjahr, Sommer und Herbst verbringt Alwine viel Zeit im eigenen Gemüsegarten, sät, erntet und kocht ein. Wenn dann die Tage wieder kürzer werden, gehört das abendliche Stricken zu ihren regelmäßigen Beschäftigungen. Mit Nachbarn wie Hinrich und Grete Schulte oder Heinrich Suhr pflegen Alwine, Bruder Heinrich und Schwägerin Herta zudem die dörfliche Tradition des Winterbesuchs.

Wie viele Frauen ihrer Generation besitzt Alwine keinen Führerschein. Mit dem Fahrrad bleibt sie jedoch bis ins hohe Alter mobil. Erst Anfang der 90er Jahre und insbesondere nach dem Tod von Bruder Heinrich im April 1991 lassen auch ihre Kräfte allmählich nach. Alwine stirbt am 19. Februar 1993, zwei Monate nach ihrem 87. Geburtstag. Beerdigt ist sie vier Tage später auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude.