Bertha Schmidt – Biographie

Bertha Schmidt wird am 25. April 1884 als siebtes Kind von Johann Hinrich Runge und Anna Gesine Runge auf dem elterlichen Hof in Lintel (heute: Hartwig Kück) geboren. Sie ist die jüngere Schwester von Diedrich Runge, Aline Hoffrogge, Gesine Mathilde Runge, Karl Runge, Johanne Gesine Runge und Gesine Mönning.

Drei Tage vor Berthas Geburt startet der Autor und Abenteurer Thomas Stevens in San Francisco auf einem 50-Zoll-Hochrad zu einer Fahrt über den amerikanischen Kontinent, die am 4. August in Boston ihr Ziel finden wird. Die Route führt von Sacramento durch Nevada, Utah und Wyoming Richtung Osten. Mehr als ein Drittel der knapp 6.000 Kilometer umfassenden Strecke muss Stevens zu Fuß zurücklegen – die Wege sind zu rau, zu sandig oder zu steil für sein Gefährt. Trotzdem erzeugt die Pionier-Tat enorme Aufmerksamkeit, und insbesondere Mitglieder der in jenen Jahren überall in den USA entstehenden Radfahrer-Clubs bereiten ihm auf den einzelnen Stationen einen begeisterten Empfang.

Den darauffolgenden Winter verbringt Stevens in New York und verfasst für das Sport-Magazin „Outing“ verschiedene Berichte über seine Erlebnisse. Die Zeitschrift gehört Albert Pope – jenem Mann, dessen Pope Manufacturing Company Stevens‘ Hochrad gebaut hat. Der ehemalige Offizier der US-Nordstaaten-Armee wittert eine einmalige Werbemöglichkeit: Er erklärt sich bereit, die Fortsetzung der Reise zu finanzieren, ernennt Stevens zum Sonderkorrespondenten und schickt ihn im April 1885 über den Atlantik nach Liverpool. Von dort aus tritt Stevens am 4. Mai 1885 die Weiterfahrt durch Europa und Asien an.

Über England, Frankreich, Deutschland und Österreich-Ungarn gelangt Stevens über den Balkan nach Konstantinopel. Es folgen Anatolien, Kurdistan und Persien. In Teheran überwintert Stevens als persönlicher Gast von Schah Nāser ad-Din. Im Frühjahr 1886 verwehrt Russland ihm die Einreise in sein Territorium; auch ein Versuch, Afghanistan zu durchqueren, scheitert. Stevens kehrt nach Konstantinopel zurück – per Dampfer über das Kaspische Meer bis nach Baku, von dort mit der Bahn bis Batum und erneut per Schiff. Von Konstantinopel aus gelangt er schließlich auf dem Seeweg nach Indien, wo er die Grand Trunk Road von Peschawar bis Kalkutta befährt. Von dort geht es per Dampfer über Hongkong und durch Südchina weiter nach Japan. In Yokohama besteigt Stevens am 17. Dezember 1886 ein Schiff, das ihn zurück nach San Francisco bringt.

Auch in Berthas Heimat, dem Großherzogtum Oldenburg, bleibt Stevens‘ Reise um die Welt nicht unbemerkt. So vermeldet die Regionalzeitung „Nachrichten für Stadt und Land“ die Ankunft des „kühnen Velocipedfahrers“ in Teheran und merkt an, dass sich die durch den Kamelverkehr hart und glatt getretenen Wege „sehr gut zum Befahren mit Velocipeden eignen“. Wovon allerdings nur die wenigsten Leser eine klare Vorstellung haben dürften. Im Oldenburg des Jahres 1885 ist das in der Meldung beschriebene Fortbewegungsmittel, für das sich erst Jahre später der Begriff „Fahrrad“ einbürgert, kaum weniger exotisch als jenes Tier, das ihm im fernen Persien die Route bereitet hat. Wie überall im Deutschen Reich geht man zu Fuß, spannt das Pferd vor den Wagen – oder nimmt die Bahn, die seit 1867 zwischen Oldenburg und Bremen verkehrt und dabei in Hörweite an Lintel vorbeirauscht.

Als Thomas Stevens im Januar 1887 San Francisco erreicht, sieht Bertha auf dem Runge-Hof ihrem dritten Geburtstag entgegen. Die Familie hat zu diesem Zeitpunkt durch Krankheit bereits drei ihrer Kinder (Gesine Mathilde, Karl und Johanne Gesine) verloren – im ausgehenden 19. Jahrhundert kein ungewöhnliches Schicksal. Und die nächste, womöglich schwerste Prüfung folgt nur wenige Wochen später: Am 22. Februar 1887 kommt Vater Johann Hinrich bei einem Treppensturz in der Gaststätte von Johann Hinrich Wachtendorf in Hude ums Leben. Mutter Anna Gesine steht nun vor der Aufgabe, ihre vier verbliebenen Kinder alleine großzuziehen und den knapp zehn Hektar großen Betrieb weiterzuführen. Hilfe bekommt sie dabei insbesondere vom mittlerweile 16 Jahre alten Hoferben Diedrich. Um finanziell über Wasser zu bleiben, sieht sie sich dennoch eine Zeitlang gezwungen, die Wohnstube des Hofes unterzuvermieten.

Sehr wahrscheinlich von Frühjahr 1890 an besucht Bertha die gemeinsam mit dem Nachbardorf Hurrel betriebene Volksschule in Lintel. Zu den in etwa gleichaltrigen Mitschülerinnen gehören neben ihrer 1882 geborenen Schwester Gesine Annchen Hoffrogge, Meta Katherine Mönnich, Frieda Rüdebusch, Mathilde Schwarting und Sophie Schwarting. Gemäß dieser Zeitrechnung wird sie im Frühjahr 1898 aus der Schule entlassen und in der St.-Elisabeth-Kirche in Hude konfirmiert.

Wo Bertha den Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert erlebt, ist nicht überliefert. Hilft sie nach der Schulentlassung noch eine Weile auf dem familieneigenen Hof mit, geht sie irgendwo in der näheren Umgebung in Stellung? In jedem Fall bleibt ihr weiterer Lebensweg eng mit jenem von Bruder Diedrich verknüpft, der im Juni 1903 Gesine Schmidt aus Tweelbäke heiratet: Deren jüngerer Bruder Friedrich Schmidt nämlich wird Berthas künftiger Ehemann.

Als Bertha und Friedrich im April 1916 in Osternburg vor den Traualtar treten, liegt die beiden von Kindheit an vertraute Ordnung des Kaiserreichs angesichts des seit Sommer 1914 tobenden Ersten Weltkriegs längst in Trümmern – mag die ein neues Zeitalter einläutende deutsche Niederlage vom November 1918 auch noch weit entfernt sein. Ob Ehemann Friedrich, Ende August 1875 geboren und somit bei Kriegsausbruch 38 Jahre alt, an den mehr als vier Jahre lang erbittert geführten Kämpfen teilnimmt, lässt sich heute nicht mehr verifizieren. In den damals geführten Verlustlisten, die außer den rund zwei Millionen getöteten deutschen Soldaten auch Verletzte und Vermisste umfasst, taucht sein Name jedenfalls nicht auf.

Friedrich und Bertha bewirtschaften in Tweelbäke einen Hof an der Bremer Straße, den Friedrichs Großvater Johann Friedrich Schmidt 1826 begründet hat (heute: Günter Kreye). Außer ihnen beiden lebt dort noch Berthas unverheiratete Schwägerin Aline Schmidt. Weitere Bewohner kommen in den schwierigen, von politischen Unruhen und wirtschaftlichen Krisen geprägten Anfangsjahren der Weimarer Republik nicht hinzu – Berthas und Friedrichs verhältnismäßig spät geschlossene Ehe bleibt kinderlos.

Wer soll den Hof später einmal fortführen? Eine Frage, die Bertha und Friedrich vermutlich bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 beschäftigt. Endgültige Klarheit bringt erst das Jahr 1938, als Friedrichs Neffe Gustav Schmidt mit Ehefrau Klara und der dreijährigen Tochter Gisela von Lintel nach Tweelbäke übersiedelt. Das Zusammenleben funktioniert, einer Adoption von Gustav steht somit nichts im Wege.

Kaum scheint die Zukunft gesichert, stellt der vom deutschen Überfall auf Polen ausgelöste Zweite Weltkrieg alles wieder in Frage. Eine schlimme Zeit beginnt, die aber auf dem Schmidt-Hof glücklicherweise niemanden das Leben kostet. Dafür schlägt das Schicksal nur ein Jahr nach Kriegsende zu: Am 14. Juli 1946 erleidet Ehemann Friedrich während eines Besuchs bei Berthas Bruder Diedrich Runge in Lintel einen tödlichen Schlaganfall.

Die folgenden Jahre verbringt Bertha weiter auf dem nun von Gustav und Klara geführten Hof in Tweelbäke. Anfang August 1956 heiratet Enkelin Gisela Gerd Kreye aus Oldenbrok; er zieht nach der Hochzeit mit ein. Im September 1958 stirbt Schwägerin Aline Schmidt, mit der Bertha sich immer gut verstanden hat. Noch immer recht engen Kontakt pflegt Bertha in dieser Zeit zu ihrer alten Schulfreundin Frieda Rüdebusch in Hurrel, die ihren Ehemann Georg Barkemeyer 1963 verliert.

Bertha selbst stirbt am 14. Oktober 1966. Beerdigt ist sie fünf Tage später auf dem Neuen Osternburger Friedhof in Oldenburg.