Emma Schwarting – Biographie

Emma Berta Schwarting wird am 3. September 1915 als viertes Kind von Diedrich Runge und Gesine Runge auf dem elterlichen Hof in Lintel (heute: Hartwig Kück) geboren. Sie ist die jüngere Schwester von Heinrich Runge, Alwine Runge und Frieda Kück.

Zwei Tage nach Emmas Geburt beginnt in Zimmerwald im Kanton Bern eine Geheimkonferenz führender sozialistischer Kriegsgegner. Einberufen hat sie der Schweizer Sozialdemokrat Robert Grimm – mit dem Ziel, die zu Beginn des Ersten Weltkriegs auseinandergebrochene Sozialistische Internationale wiederzubeleben. In den meisten kriegführenden Staaten haben sich ursprünglich dem Klassenkampf verpflichtete Mitgliedsparteien wie die deutsche SPD oder die französische SFIO bei Kriegsbeginn im August 1914 auf die Seite ihrer jeweiligen Regierung geschlagen und der Ausgabe von Kriegsanleihen zugestimmt. Von ihnen darf Grimm in seinem Bemühen, die laut Zimmerwalder Manifest „wilde Barbarei“ im „Menschenschlachthaus Europa“ zu stoppen, keine Unterstützung erwarten. Die zehn deutschen Vertreter unter den insgesamt 38 Delegierten (unter anderem Georg Ledebour, Adolph Hoffmann, Julian Borchardt, Minna Reichert und Bertha Thalheimer) sind dementsprechend gegen den ausdrücklichen Willen der SPD-Parteiführung um Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann in die Schweiz gereist.

Zwar steht am Ende der viertägigen Konferenz eine mit großer Mehrheit verabschiedete Erklärung, die den Ersten Weltkrieg als „Krieg der Kapitalisten“ brandmarkt und die sozialistischen Kräfte zur Einigkeit im Kampf für den Frieden auffordert. Bei näherer Betrachtung ist es jedoch mit der vielbeschworenen Einigkeit nicht weit her: So steht der pazifistischen Mehrheit der Delegierten eine radikale Minderheit um Wladimir Iljitsch Lenin gegenüber, die den kapitalistischen Weltkrieg in einen weltweit geführten Bürgerkrieg für die Revolution umwandeln will. Damit vertieft sich die unter Sozialisten im Grunde genommen schon seit Ende des 19. Jahrhunderts bestehende Kluft zwischen Reformisten und Revolutionären, sie lässt sich auch auf späteren Treffen der Gruppe nicht überbrücken.

Derweil gehen die Kämpfe an den Fronten des mit aller Härte geführten Weltkriegs weiter. Im Osten setzen die Mittelmächte ihren Vormarsch in der am 26. August 1915 begonnenen Schlacht bei Wilna fort, im Südosten drängen sie die russische Armee über den Sereth zurück. An der Westfront beginnt am 25. September die Herbstschlacht in der Champagne, die bis Anfang November andauert und auf beiden Seiten zehntausende Tote fordert. Eine Entscheidung fällt damit aber noch lange nicht. Erst mit dem Kriegseintritt der USA im Frühjahr 1917 gewinnen Frankreich und Großbritannien die Oberhand. Im November 1918 bleibt der deutschen Seite nichts weiter übrig, als um einen Waffenstillstand zu bitten. Zu diesem Zeitpunkt setzen die von Lenin geführten Bolschewiki in Sowjet-Russland bereits ihre Vorstellungen von Sozialismus durch. Die in Deutschland vom Reformisten Philipp Scheidemann ausgerufene Republik unter ihrem rechtmäßig gewählten Präsidenten Friedrich Ebert wiederum sieht sich mit dem von den Siegern diktierten Vertrag von Versailles konfrontiert und muss gleichzeitig von links und rechts mehrere Putschversuche abwehren.

Alles andere als ein geordnetes Umfeld also, in das Emma hineingeboren wird. Immerhin, ihre Familie wird durch den Krieg nicht auseinandergerissen: Weder Vater Diedrich noch der ältere Bruder Heinrich müssen an die Front. Der eigene, knapp zehn Hektar große Hof und der dadurch gegebene hohe Grad an Selbstversorgung mildern zudem etwas die Härten der rasanten Geldentwertung, die sich bis Ende 1923 zur Hyperinflation ausweitet.

Als die Einführung der Rentenmark Anfang 1924 endlich wieder halbwegs normale wirtschaftliche Verhältnisse schafft, steht Emma kurz vor der Versetzung in die dritte Klasse der Volksschule Lintel. Dort gehören unter anderem Erna Knutzen und Lina Lampe zu ihren gleichaltrigen Mitschülerinnen. Mit Ersterer, der Tochter des dörflichen Gasthof-Betreibers Friedrich Knutzen, bleibt Emma weit über ihre Schulzeit hinaus eng befreundet. Ein die Familie berührendes Ereignis jener Jahre ist der Tod von Großmutter Anna Gesine Runge im Mai 1928.

Als jüngstes von vier Kindern ist Emma anfangs vermutlich etwas weniger stark in die Bewirtschaftung des Runge-Hofes eingebunden als ihre älteren Geschwister. Das ändert sich jedoch spätestens Ende der 1920er Jahre, als Schwester Alwine als Saisonkraft in einem Hotel auf Wangerooge arbeitet und Mutter Gesine aufgrund einer Herzschwäche zunehmend weniger belastbar ist. Trotzdem verlässt auch Emma nach Schulabschluss und Konfirmation zunächst ihr Elternhaus und geht für einige Jahre bei einem Bankdirektor in Oldenburg in Stellung.

Gesine Runge stirbt am 6. April 1934. Zwei Wochen später feiert ganz Deutschland zum zweiten Mal Führergeburtstag: Der Nationalsozialist und ehemalige Putschist Adolf Hitler, im Januar 1933 von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt und durch das im März 1933 vom Reichstag gebilligte Ermächtigungsgesetz quasi zum Alleinherrscher aufgestiegen, wird 45 Jahre alt. Im Juni 1934 beschuldigt Hitler SA-Chef Ernst Röhm, einen Staatsstreich gegen ihn zu planen, und lässt ihn zusammen mit weiteren angeblichen Verschwörern ermorden. Als Anfang August 1934 Reichspräsident Hindenburg stirbt, übernimmt Hitler auch dessen in der Praxis längst bedeutungslos gewordenes Amt und lässt fortan alle Rekruten der Reichswehr statt auf die Verfassung der Weimarer Republik auf seine Person vereidigen. Mit der Umbenennung der im Versailler Vertrag auf 100.000 Mann begrenzten Streitkräfte in Wehrmacht nimmt dann die Aufrüstung des NS-Staats massiv Fahrt auf.

Wie Emma – inzwischen wieder mit Hauptwohnsitz in Lintel – die Jahre vor dem am 1. September 1939 von Hitler befohlenen Polenfeldzug konkret erlebt, darüber lässt sich nur spekulieren. Ebenso wie über ihre Reaktion auf den durch diesen völkerrechtswidrigen Angriff ausgelösten Zweiten Weltkrieg. Vermutlich freut sie sich für Bruder Heinrich, der aufgrund seiner Bienenzucht in der Heimat als unabkömmlich gilt. Und leidet mit ihrer seit November 1939 mit Klaus Kück verheirateten Schwester Frieda, deren Ehemann unmittelbar nach der Trauung zurück in den Kriegseinsatz muss. Als Frieda im April 1944 an Tuberkulose stirbt, wird Emma zu einer Art Ersatzmutter für den im Januar 1940 geborenen Neffen Hartwig und zieht ihn zusammen mit Schwester Alwine groß.

Die folgenden Monate bis zur Einnahme Lintels durch kanadische Truppen und der Kapitulation der Wehrmacht im Mai 1945 überstehen die drei verbliebenen Runge-Geschwister, Vater Diedrich und ihr Schützling Hartwig ohne größere Blessuren. Dasselbe gilt für die erste Nachkriegszeit bis zur Währungsreform – mag diese trostlose Phase der deutschen Geschichte auch schon allein aufgrund des ungewöhnlich strengen Winters 1946/47 noch einige härtere Prüfungen bereithalten als die Anfangsjahre der Weimarer Republik.

Ihren künftigen Ehemann Emil Schwarting aus Vielstedt lernt Emma über Erna Knutzen kennen, er ist ein entfernter Verwandter der langjährigen Schulfreundin. Emma und Emil heiraten am 5. Oktober 1957, mit Erna und Neffe Hartwig als Trauzeugen. Danach bleibt Emma noch eine Weile in Lintel wohnen, bezieht aber bald mit Emil eine gemeinsame Mietwohnung an der Hohen Straße in Hude. Im November 1959 stirbt Vater Diedrich kurz nach seinem 89. Geburtstag an Altersschwäche.

Ehemann Emil arbeitet als Schrankenwärter bei der Bundesbahn. Sollten beide nach der relativ späten Hochzeit noch einen Kinderwunsch haben, so geht er nicht in Erfüllung. Das gewährt dem Paar vergleichsweise viel Freizeit, häufig ausgefüllt durch längere Bahnreisen per Freifahrtschein. So geht es im Ruhestand regelmäßig im September in den Urlaub Richtung Süddeutschland.

Indes, allzu lange kann Emma diese vermutlich unbeschwerteste Phase ihres Lebens nicht genießen. Kurz nach der im Oktober 1982 mit Freunden, Verwandten und Bekannten gefeierten Silberhochzeit erkrankt sie an Krebs, dem sie am 13. August 1989 in der Seniorenresidenz Waldschlösschen in Stenum erliegt. Beerdigt ist Emma einige Tage später auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude.