Johann Ewald Quitsch – Rufname Ewald – wird am 10. Juli 1909 als sechstes Kind von Hermann Quitsch und Johanne Quitsch in Vielstedt geboren. Er ist der jüngere Bruder von Friedrich Wilhelm Quitsch, Johann Quitsch, Henriette Den Hoed, Heinrich Quitsch und Käthe Logemann und der ältere Bruder von Gesine Steimke und Martha Grashorn.
Vier Tage nach Ewalds Geburt tritt Reichskanzler Bernhard von Bülow von seinem Amt zurück, Nachfolger wird Theobald von Bethmann Hollweg. Dem Rücktritt vorangegangen sind hitzige Debatten im Reichstag über die Finanzreform des Deutschen Reiches. Das Kaiserreich leidet seit Jahren unter einer wachsenden Haushaltslücke: Die Ausgaben für Flotte, Heer und vor allem für die Niederschlagung des Herero- und Nama-Aufstands in Deutsch-Südwestafrika übersteigen die Einnahmen erheblich. Als Kernstück der zur Abhilfe gedachten Steuerreform plant Bülow, die 1906 eingeführte Erbschaftsteuer zu erweitern: Bisher sind Ehegatten und direkte Nachkommen ausgenommen – nun sollen auch sie zur Kasse gebeten werden. Ein Gedanke, der bei den Konservativen und dem ihnen nahestehenden Bund der Landwirte erbitterten Widerstand auslöst.
Damit sind die Tage des Bülow-Blocks gezählt – jenes parlamentarischen Bündnisses aus Konservativen, Nationalliberalen und Linksliberalen, auf das der Kanzler seine Politik seit den Reichstagswahlen von 1907 gestützt hat. Als der Reichstag die geplante Reform im Juni 1909 mit 194 zu 186 Stimmen ablehnt (Konservative, Zentrum und die Vertreter der Polen stimmen dagegen, Liberale und Sozialdemokraten dafür), sieht Bülow keine tragfähige Grundlage mehr für seine Weiterarbeit und bittet Kaiser Wilhelm II. um Entlassung. Dass dieser dem Wunsch umgehend entspricht, hat auch damit zu tun, dass das Verhältnis zwischen beiden ohnehin zerrüttet ist: Bülow hatte es im Herbst 1908 versäumt, Wilhelm im Reichstag gegen den Sturm der Empörung zu verteidigen, den dessen unbedachte Äußerungen in einem Interview mit der britischen Zeitung „Daily Telegraph“ ausgelöst hatten.
Nachfolger Bethmann Hollweg gelingt es zunächst, die Scherben der gescheiterten Finanzreform zusammenzukehren. Er bringt einen Kompromiss zustande, der die Erweiterung der Erbschaftsteuer fallen lässt und stattdessen verschiedene Verbrauchssteuern erhöht. Damit beruhigt er die Konservativen und verschafft dem Reich die nötigen Mittel. Außenpolitisch bringt Bethmann Hollweg allerdings kaum Erfahrung mit, was sich unter anderem im Sommer 1911 in der Zweiten Marokko-Krise zeigt. Der Versuch, den deutschen Einfluss in Afrika auf Kosten Frankreichs zu vergrößern, endet mit einer diplomatischen Niederlage – auch, weil Bethmann Hollweg es im Vorfeld versäumt, Großbritannien zu konsultieren und die britische Regierung daraufhin Partei für Frankreich ergreift.
Als die Krise Anfang November 1911 mit dem Marokko-Kongo-Vertrag beigelegt wird, hat Ewalds Familie Vielstedt (ohne den 1904 verstorbenen ältesten Bruder Friedrich Wilhelm) bereits längst wieder verlassen. Nach einem kurzen Intermezzo in Hude übernimmt Vater Hermann 1910 in Lintel einen kleinen Pachtbetrieb, der zum Hof von Johann Kreye gehört. Dort arbeitet er wie auf seinen vorhergehenden Stationen als Schneider und betreibt nebenher etwas Landwirtschaft auf eigene Rechnung, soweit ihn der Pachtvertrag nicht gerade für Arbeiten auf dem Kreye-Hof in die Pflicht nimmt. In Lintel kommen 1911 und 1912 Ewalds Schwestern Gesine und Martha zur Welt.
Das Klima zwischen den europäischen Großmächten verschlechtert sich nach der Zweiten Marokko-Krise weiter. Als am 28. Juni 1914 der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo ermordet wird, führt die darauffolgende Eskalation in wenigen Wochen in den Ersten Weltkrieg, an dem Vater Hermann mutmaßlich von Beginn an teilnimmt. Sehr wahrscheinlich im Frühjahr 1916, als der Krieg bereits seit anderthalb Jahren tobt, wird Ewald in die nur wenige Schritte vom Elternhaus entfernte Volksschule Lintel eingeschult. Zu seinen in etwa gleichaltrigen Klassenkameraden dort gehören unter anderem Hans Geerken, Hans Hoffrogge, Georg Neuhaus, Adolf Nutzhorn, August Scholz und Johann Hinrich Witte.
Irgendwann im Spätherbst 1916 erreicht die Familie die Nachricht, dass Hermann Quitsch in einem Lazarett der serbischen Stadt Üsküb (heute: Skopje) einer Malaria-Erkrankung erlegen ist. Mutter Johanne steht von nun an allein vor der Aufgabe, sieben Kinder zu versorgen und den Pachtbetrieb am Laufen zu halten. Unterstützung bekommt sie dabei von Annchen Mathilde Kreye, der Ehefrau ihres Verpächters, sowie vom ältesten noch im Haus lebenden Sohn Johann, der die Rolle des Hofpächters übernimmt. Als im November 1918 endlich der Waffenstillstand und damit das Ende des Krieges kommt, ist die Erleichterung in Lintel wie überall groß. Im Hause Quitsch wird sie aber vermutlich bereits überschattet von der sich verschlechternden Gesundheit der unter Darmtuberkulose leidenden Mutter. Johanne Quitsch stirbt am 7. Oktober 1922 im Evangelischen Krankenhaus in Oldenburg. Ewald und seine Geschwister sind von nun an Vollwaisen. Ein Schicksal, mit dem er Erzählungen seiner späteren Ehefrau Elsbeth Meyer zufolge viele Jahre lang hadert.
Bis zu Ewalds Hochzeit im März 1938 sollen noch einige Jahre vergehen. Anders als seine Schwestern, die nach dem Tod der Mutter vorübergehend in anderen Familien unterkommen, bleibt er allem Anschein nach auch nach Schulabschluss und Konfirmation weiter auf dem Linteler Pachthof wohnen. Während die Brüder Johann und Heinrich als Schneider beziehungsweise Schuster zwei ausgesprochen klassische Handwerke erlernt haben, entscheidet Ewald sich für ein im Vergleich dazu recht modernes Berufsfeld – die Elektrotechnik. Wie fast überall in der Weimarer Republik sind im Freistaat Oldenburg in den 1920er Jahren zahlreiche Handwerksbetriebe und Genossenschaften damit beschäftigt, Dorf für Dorf ans Stromnetz anzuschließen. An Arbeit für ausgebildete Elektroinstallateure mangelt es deshalb allen wirtschaftlichen Krisen zum Trotz nicht.
Wo Ewald diese Ausbildung bekommt, ist heute nicht mehr bekannt. An der Elektrifizierung der Region beteiligt ist er in jenen Jahren aber definitiv. Das macht ihn in vielen Haushalten zu einem gerngesehenen Gast und lässt ihn im Verhältnis zu seinen Brüdern und vielen Altersgenossen recht ordentlich verdienen. Vermutlich trägt Ewald deshalb schon bald einen nicht unerheblichen Teil zum Familieneinkommen der Pachtgemeinschaft bei. Dazu gehören neben den beiden Brüdern und zeitweise auch wieder Schwester Gesine noch Johanns Ehefrau Hermine und deren zwischen 1923 und 1931 geborene Kinder Elli, Ewald und Hilde.
Die wirtschaftliche Erholung nach der 1924 glücklich überstandenen Hyperinflation bleibt in Lintel nicht ohne Einfluss auf das gesellschaftliche Leben. Nach zunächst zögerlichem Neubeginn stehen Schützenverein und Männergesangsverein bald wieder in voller Blüte, und auch der 1904 gegründete „Radfahrverein Vorwärts Lintel“ hat nach kriegsbedingter Pause seinen Betrieb wieder aufgenommen. Unter dem Vorsitz seines Bruders Heinrich ist Ewald dort Anfang der 1930er Jahre sehr aktiv und feiert bei den regelmäßig veranstalteten Wettbewerben sportliche Erfolge.
Den mit der Weltwirtschaftskrise einsetzenden Stimmungsumschwung bekommt mit einiger Sicherheit auch Ewald zu spüren – aufgrund seiner Spezialisierung aber vermutlich deutlich weniger hart als in anderen Branchen beschäftigte Nachbarn und Freunde. Ist er dadurch weniger empfänglich für die vermeintlich einfachen Lösungen der Nationalsozialisten, die ihre Ergebnisse bei den in immer kürzeren Abständen abgehaltenen Reichstagswahlen kontinuierlich steigern können? Eine Frage, die mehr als 90 Jahre später mangels Quellen oder verlässlicher Zeitzeugenberichte unbeantwortet bleiben muss.
Wie auch immer: Mit der Ernennung des NSDAP-Vorsitzenden Adolf Hitler zum Reichskanzler und dem im März 1933 verabschiedeten Ermächtigungsgesetz findet die erste parlamentarische Demokratie auf deutschem Boden ein abruptes Ende. Abgelöst wird sie vom nach dem Führerprinzip konsequent auf Hitler ausgerichteten NS-Staat, der der Elektrifizierung gleichwohl weiter hohe Priorität beimisst. Über fehlende Beschäftigung kann sich Ewald also auch in den folgenden Jahren nicht beklagen.
In Lintel hat derweil Johann Quitsch mit seiner Familie die Wohngemeinschaft der Brüder verlassen und ist nach Munderloh gezogen. Je enger die Beziehung zu Elsbeth Meyer wird, desto stärker dürfte auch Ewald über einen solchen Schritt nachdenken. Irgendwann im Laufe des Jahres 1937 beginnt er mit dem Bau eines Hauses im Nachbardorf Altmoorhausen, wo Elsbeth und er nicht lange alleine bleiben: Noch im Jahr der Hochzeit kommt Sohn Gerold hinzu.
Familiär steht das Jahr 1939 für Ewald ebenfalls unter einem guten Stern: Spätestens im Frühsommer ist absehbar, dass es mit der Geburt eines weiteren Kindes enden wird. Als im Dezember Sohn Manfred hinzukommt, tobt allerdings bereits seit drei Monaten der durch den deutschen Überfall auf Polen ausgelöste Zweite Weltkrieg. Ob Ewald zu diesem Zeitpunkt schon seinen Stellungsbefehl zur Wehrmacht erhalten hat, lässt sich nicht mehr mit Gewissheit sagen. Seiner im Januar 1944 geborenen Tochter Edda Gerlach zufolge wird er für den Kriegsdienst jedoch „sehr früh“ aus seinem gewohnten Umfeld herausgerissen.
Über die folgenden Jahre ist lediglich bekannt, dass Ewald für längere Zeit in der Nähe von Memel (heute: Klaipėda) stationiert ist. Die ehemals nördlichste Stadt des Kaiserreichs gehört seit 1939 wieder zu Deutschland, und zeitweise scheint Ewald sogar mit dem Gedanken zu spielen, sich nach dem Krieg dort mit seiner Familie anzusiedeln. Was aus zwei Gründen plausibel erscheint: Zum einen ist die Elektrifizierung dort längst nicht so weit vorangeschritten wie im Oldenburger Land, es gäbe also für ihn viel Arbeit. Zum anderen ist das nahegelegene Ostpreußen die Heimat seiner Großeltern Friedrich Wilhelm und Henriette Quitsch.
Gut möglich, dass Ewald zu jenen Einheiten gehört, die Memel nach der Einnahme durch die Wehrmacht zur Festung ausbauen – dafür sind Elektroinstallateure unverzichtbar. Für diese Annahme spricht, dass er vor Ort über eine eigene Wohnung verfügt und dort in den ersten Kriegsjahren mehrfach Besuch von Ehefrau Elsbeth und den beiden Söhnen erhält.
Schon vor Eddas Geburt macht die Kriegslage solche Besuche jedoch zunehmend unmöglich. Spätestens mit der verlorenen Schlacht von Stalingrad im Februar 1943 nimmt der Krieg an der Ostfront eine dramatische Wendung. Die Rote Armee stößt unaufhaltsam Richtung Westen vor und steht im August 1944 vor Ostpreußen. In den letzten zwölf Kriegsmonaten geraten mehr als zwei Millionen deutsche Soldaten in sowjetische Gefangenschaft. Zu ihnen gehört auch Ewald, dessen weiteres Schicksal nur vom Hörensagen bekannt ist. Offenbar kommt er in ein Lager nahe der mehr als 900 Kilometer östlich von Memel gelegenen Ortschaft Pestowo. Dessen Insassen werden in erster Linie in der Holzwirtschaft und zum Wiederaufbau der örtlichen Infrastruktur eingesetzt.
Es ist durchaus wahrscheinlich, dass Ewalds berufliche Qualifikation ihn in Pestowo vor den körperlich ruinösen Arbeitseinsätzen bewahrt, denen die meisten seiner Leidensgenossen ausgesetzt sind. Dem Drang nach Freiheit gehorchend, riskiert er dennoch einen Ausbruchversuch – und wird dabei kurzerhand erschossen. So zumindest erzählt es Jahre später ein Russland-Heimkehrer Ehefrau Elsbeth. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge nennt als Datum von Ewalds Tod den 1. September 1946. Wo genau seine sterblichen Überreste ruhen, ist unbekannt.