Gesine Catharine Johanne Runge wird am 26. Juli 1873 als sechstes Kind von Friedrich Schmidt und Gesine Catharine Schmidt auf dem elterlichen Hof in Tweelbäke (heute: Günter Kreye) geboren. Sie ist die jüngere Schwester von Margarethe Catharine Hermine Schmidt, Anna Friederike Aline Schmidt, Hermann Friedrich Schmidt, Catharine Hermine Schmidt und Hinrich Schmidt und die ältere Schwester von Friedrich Schmidt, Johann Heinrich Schmidt, Aline Schmidt und Johann Diedrich Schmidt.
In den Wochen vor Gesines Geburt wird zur Gewissheit, dass in der österreichisch-ungarischen Hauptstadt Wien die Cholera grassiert. Als Anfang Juli 1873 die Londoner Zeitung „Times“ über das Ableben einer wohlhabenden britischen Touristin und die vermutete Todesursache berichtet, hagelt es in der lokalen Presse zwar noch Dementis. „Es existiert keinerlei epidemische Krankheit in Wien und einzelne Fälle von Ruhr kamen dieses Jahr nicht mehr und nicht weniger vor als in dieser Saison noch jedes Jahr – nicht bloß in Wien, sondern in allen Großstädten“, behauptet etwa die „Wiener Weltausstellungs-Zeitung“ in ihrer Ausgabe vom 4. Juli 1873. Und weiter: „Wer also den Mut hat, gegenwärtig nach Paris oder London, nach Berlin oder München zu reisen, kann ebenso getrosten Sinnes auch nach Wien aufbrechen.“ Irgendwann jedoch hilft alles Leugnen nicht mehr, und von Mitte Juli an gibt die Verwaltung täglich offizielle Cholera-Bulletins heraus.
Die anfangs bewusst verharmlosende Informationspolitik hat vor allem wirtschaftliche Gründe. Seit dem 1. Mai 1873 beherbergt Wien eine mit hohen Investitionen verbundene Weltausstellung, die noch bis Anfang November dauert. Jede Form von öffentlicher Unruhe stört da nur, zumal das Messegeschäft ohnehin deutlich schleppender läuft als erwartet. Eine Woche nach der Eröffnung sind an der Wiener Börse die Kurse eingebrochen – der Auftakt einer um den Globus ziehenden, später als Große Depression oder Gründerkrach bezeichneten Wirtschaftskrise. Letztlich verschlimmert die späte Reaktion auf den Cholera-Ausbruch die Lage, weil die Bevölkerung durch das Taktieren das Vertrauen in die staatliche Kompetenz verliert. Wer kann, flieht aus der Stadt, die Messe wird darüber spätestens Anfang August zur Nebensache. Am Ende fordert die noch bis Oktober tobende Seuche fast 3.000 Menschenleben.
Gründerkrach und die Cholera sind zwei Themen, die auch das Deutsche Reich die ganze zweite Jahreshälfte 1873 über beschäftigen. Vereinzelte Ausbrüche der Krankheit gibt es außer in Bayern und in Preußen (mit landesweit insgesamt mehr als 23.000 Toten) auch in Gesines Heimat, dem Großherzogtum Oldenburg. Betroffen ist unter anderem die Wesermarsch. Um die Ansteckungsgefahr einzudämmen, verbietet die Regierung unter anderem auswärtigen Schaustellern des Rodenkirchener Markts im September 1873 die Einreise, was ein Zeitzeuge wie folgt kommentiert: „Man geht zum Festplatz. Ach! Auch dort ist es unheimlich, keine Orgeln, fast keine Tanzmusik, wenig Gesang, keine Schaubuden, wenig Geräusch. Drei Karussells sind mit Trauerflor behangen, zwei nur sind in Tätigkeit.“ Für die Residenzstadt Oldenburg und das nahegelegene Tweelbäke sind für diesen Zeitraum allerdings keine explizit auf die Cholera zurückgehenden Todesfälle verzeichnet.
Mag Tweelbäke 1873 auch von der Cholera verschont bleiben – was Krankheiten angeht, trifft es Gesines Familie in diesem Jahr knüppeldick, und zwar direkt vor ihrer Geburt. Zwischen dem 23. Juni und dem 2. Juli sterben gleich drei ihrer älteren Geschwister (Anna Friederike Aline, Hermann Friedrich und Catharine Hermine) an Diphtherie. Eine weitere hochansteckende Infektionskrankheit, die vor allem Kinder befällt und zur damaligen Zeit häufig tödlich endet. Weitere Todesfälle in der Familie in den 1870er Jahren sind im Juni 1877 der gerade erst geborene Bruder Johann Heinrich (er stirbt an im Kirchenbuch der Gemeinde Osternburg nicht näher bezeichneten Krämpfen), die älteste Schwester Margarethe Catharine Hermine (August 1878, gastritisches Fieber) sowie infolge Altersschwäche Gesines mit auf dem Hof wohnenden Großeltern Margarete Adelheid und Johann Friedrich Schmidt (Januar 1876 beziehungsweise März 1877).
Im März 1880 stirbt dann auch Vater Friedrich, und zwar an einem „Brustleiden“. Möglicherweise ein Hinweis auf die im 19. Jahrhundert allgegenwärtige Volkskrankheit Tuberkulose. Dass Mutter Gesine Catharine sich in dieser Situation nicht anders zu helfen weiß als kurzerhand einen großen Teil des Hof-Inventars (unter anderem ein Pferd, fünf Rinder und mehrere Ackerwagen) öffentlich versteigern zu lassen und ihre Ländereien zu verpachten, ist verständlich – zumal sie sich bereits wieder in anderen Umständen befindet: Gesines jüngster Bruder Johann Diedrich kommt im Oktober 1880 zur Welt.
Wie es Gesine, ihrer Mutter und den vier überlebenden Geschwistern in den folgenden Jahren ergeht, liegt heute im Dunkeln. Allem Anschein nach bleibt die Familie aber auf dem an der Bremer Straße gelegenen Hof wohnen, den Gesines aus Martfeld bei Bruchhausen-Vilsen stammenden Großeltern 1826 begründet haben. Der tägliche Weg zur Volksschule Tweelbäke, in die Gesine kurz nach dem Tod des Vaters eingeschult wird, beträgt von dort aus immerhin rund dreieinhalb Kilometer. Eine Strecke, die Gesine sehr wahrscheinlich morgens und mittags in Begleitung ihres zwei Jahre älteren Bruders Hinrich zurücklegt. Hinrich Schmidt ist zunächst auch der Grunderbe des zunächst verpachteten Betriebs.
Mutmaßlich im Frühling des Drei-Kaiser-Jahres 1888 verlässt Gesine die Schule und wird in Osternburg konfirmiert. Bleibt sie danach zunächst noch auf dem Tweelbäker Hof, oder geht sie irgendwo anders in der näheren Umgebung in Stellung? Auch das eine Frage, auf die es heute keine gesicherte Antwort mehr gibt. Auf jeden Fall kommt es auf dem Hof gegen Ende des Jahrhunderts noch einmal zu einem Eigentümerwechsel: Gesines jüngerer Bruder Friedrich übernimmt, während Hinrich Schmidt durch die Hochzeit mit Gesine Katharine Wiechmann im April 1898 in den Hof seines Schwiegervaters Johann Gerhard Wiechmann in Hemmelsberg einheiratet (heute: Frank Dinklage). Gut möglich, dass Gesine bei dieser Gelegenheit ihren künftigen Ehemann Diedrich Runge aus Lintel kennenlernt. Die 1893 verstorbene Mutter der Braut, Gesche Margarete Wiechmann, war nämlich eine Schwester von Diedrichs 1887 in Hude verunglücktem Vater Johann Hinrich Runge. Sowohl Gesine als auch Diedrich dürften also auf der Feier zugegen sein.
Gesine und Diedrich heiraten am 26. Juni 1903 in Hude. Noch mit dabei: Mutter Gesine Catharine, die im März 1905 stirbt. Im August 1904 bringt Gesine auf dem Runge-Hof in Lintel (heute: Hartwig Kück) das erste gemeinsame Kind Heinrich zur Welt. Ihm folgen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 mit Alwine (Dezember 1905) und Frieda (Oktober 1910) zwei weitere Kinder. Das vierte Kind Emma wird im September 1915 geboren. Im April 1916 heiratet Diedrichs jüngste Schwester Bertha Gesines Bruder Friedrich und zieht zu ihm auf den Schmidt-Hof nach Tweelbäke. Im Januar 1918 fällt dann Gesines jüngster Bruder Johann Diedrich nahe der nordfranzösischen Ortschaft Rethel.
Vier minderjährige Kinder durch die Wirren der mit politischen und wirtschaftlichen Krisen gespickten Nachkriegszeit zu bringen, ist für Gesine und Diedrich gewiss keine einfache Aufgabe. Sie gelingt unter anderem auch deshalb, weil der älteste Sohn Heinrich früh auf dem rund zehn Hektar großen Hof mitarbeitet und mit seinem Interesse für die Imkerei einen in den folgenden Jahrzehnten durchaus einträglichen Nebenerwerb etabliert.
Gesines letzte Lebensjahre sind geprägt von der Weltwirtschaftskrise und der daraus resultierenden Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933. Zu diesem Zeitpunkt ist sie vermutlich bereits schwerkrank. Gesine stirbt am 6. April 1934 in einem Oldenburger Krankenhaus (laut Kirchenbuch-Eintrag an einer Herzschwäche) und wird fünf Tage später auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude beerdigt.