Heinrich Johannes Runge wird am 2. August 1904 als erstes Kind von Diedrich Runge und Gesine Runge auf dem elterlichen Hof in Lintel (heute: Hartwig Kück) geboren. Er ist der ältere Bruder von Alwine Runge, Frieda Kück und Emma Schwarting.
In den Jahren vor Heinrichs Geburt verstärken sich die Spannungen zwischen der Regierung Frankreichs und der Römischen Kurie im Vatikan. Hintergrund sind die Bestrebungen von Premierminister Émile Combes, die vollständige Trennung von Kirche und Staat voranzutreiben. Ein im Prinzip schon seit der Französischen Revolution bestehendes Ziel, das aber nach dem 1801 geschlossenen Konkordat zwischen Napoleon Bonaparte und dem damaligen Papst Pius VII. zunächst nicht weiterverfolgt wurde. Nach der Ausrufung der Dritten Republik im September 1870 häufen sich dann die Versuche autoritärer Kräfte, die Verhältnisse zu Gunsten der alten Eliten aus Klerus und Adel zurückzudrehen – besonders gut zu beobachten während der das Land in zwei Lager spaltenden Dreyfus-Affäre. Die vollständige Rehabilitierung des angeblichen Landesverräters Alfred Dreyfus wirft ein denkbar schlechtes Licht auf die Protagonisten des restaurativen Lagers, so dass der Block der Linksparteien bei den Parlamentswahlen von 1902 einen klaren Sieg einfährt. Auf dessen Abgeordnete kann sich Combes bei seinem strikt antiklerikalen Kurs stützen.
Schon bald nach den Wahlen bringt das Kabinett Combes diverse die Macht der katholischen Kirche beschneidende Gesetze auf den Weg. Der Zwangsschließung aller kirchlichen Schulen im Juli 1902 folgt im März 1903 die Auflösung aller männlichen und im Juli 1903 die Auflösung aller weiblichen Ordensgemeinschaften. Das am 7. Juli 1904 erlassene Verbot, neue Gemeinschaften zu gründen, führt drei Wochen später zum Bruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und dem Vatikan. Damit ist das Ende der Maßnahmen-Spirale aber keineswegs erreicht: Im Dezember 1905 verabschiedet das französische Parlament das Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat. Dadurch werden alle bis 1905 erbauten Kirchen zu staatlichem Eigentum, Kruzifixe und andere religiöse Symbole werden aus öffentlichen Gebäuden verbannt und an herkömmlichen Schulen gibt es keinen Religionsunterricht mehr. Zeitgleich kündigt die Regierung das Konkordat von 1801 fristlos auf.
Inwieweit der religiöse Showdown an der Seine im Großherzogtum Oldenburg verfolgt und entsprechend kommentiert wird, lässt sich nur vermuten. Für mehr Gesprächsstoff zwischen Hunte und Weser sorgen 1904 und 1905 wahrscheinlich die Interessen des Kaiserreichs betreffende Themen wie der Herero-Aufstand in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika oder die sich zuspitzende Konfrontation mit Frankreich in Marokko. Der 1871 gewonnene Krieg gegen den „Erbfeind“ dürfte in Lintel noch lebhaft in Erinnerung sein, haben doch einige Dorfbewohner als Soldaten an ihm teilgenommen. In Heinrichs Familie erinnert zudem einmal im Jahr ein ganz besonderes Datum daran: Vater Diedrich Runge ist am 3. September 1870 geboren, nur einen Tag nach dem deutschen Sieg in der als kriegsentscheidend angesehenen Schlacht von Sedan.
Die Zuversicht, auch die nächste, in den Augen mancher deutscher Militärführer unvermeidliche kriegerische Auseinandersetzung mit Frankreich für sich entscheiden zu können, ist bei Heinrichs Zeitgenossen in seinen ersten Lebensjahren recht ausgeprägt – und trägt nicht unwesentlich zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs bei. Als dieser Anfang August 1914 beginnt, besucht Heinrich gerade an der Seite von Heinrich Georg Hoffrogge, Heinrich Quitsch und Johann Wachtendorf die vierte oder fünfte Klasse der Linteler Volksschule. Anders als die Väter der genannten Mitschüler nimmt Diedrich Runge aber angesichts seines fortgeschrittenen Alters nicht an den an zwei Fronten geführten Kämpfen teil und erlebt so unter anderem die Geburt von Heinrichs jüngster Schwester Emma im September 1915 im Kreis der Familie.
Im November 1918 endet das mehr als vier Jahre lang andauernde Morden auf den europäischen Schlachtfeldern mit einer deutschen Niederlage. Zu diesem Zeitpunkt steht Heinrich kurz vor Schulentlassung und Konfirmation. Über seinen weiteren Werdegang muss er sich ungeachtet aller politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen in der nach der Abdankung von Kaiser Wilhelm II. ausgerufenen Weimarer Republik keine allzu großen Gedanken machen: Als einzigem Sohn ist ihm die Nachfolge seines Vaters als Hofeigentümer sicher. Wie Heinrich sich im Einzelnen auf diese Aufgabe vorbereitet, liegt heute im Dunkeln. Von Anfang an zeigt er dabei jedoch ein großes Interesse an der damals in Lintel weit verbreiteten Imkerei, die er von der Pike auf lernt. Sie wird später zu einer wichtigen Einnahmequelle, denn der Grundbesitz des Hofes ist mit einer Nutzfläche von nur knapp zehn Hektar vergleichsweise klein.
Im Mai 1928 stirbt Heinrichs mit auf dem Hof lebende Großmutter Anna Gesine Runge, im April 1934 dann Mutter Gesine. Zu diesem Zeitpunkt regieren im Deutschen Reich bereits die Nationalsozialisten, die die zuvor relativ weltoffene Weimarer Republik innerhalb weniger Monate in eine auf ihren Führer Adolf Hitler zugeschnittene Diktatur umgewandelt haben. Die wiederum steuert zielgerichtet auf den nächsten Weltkrieg zu, der am 1. September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen beginnt. Erneut erhalten zahlreiche Männer des Dorfes einen Stellungsbefehl, wovon aber neben Heinrichs ehemaligen Schulkameraden Heinrich Quitsch und Johann Wachtendorf (der dritte eingangs genannte Mitschüler Heinrich Georg Hoffrogge ist 1921 verstorben) auch er selbst verschont bleibt.
Heinrich erklärt sich diesen Umstand durch seinen im Laufe der Jahre aufgebauten Status als Imker. Mit seinen Bienenvölkern bedient er weit über Lintel hinaus einen breiten Kundenstamm und gilt deshalb als unabkömmlich. Während Heinrich in erster Linie Honig produziert und vermarktet, halten Vater Diedrich und die drei Schwestern die restliche Landwirtschaft am Laufen und versorgen das auf dem Hof gehaltene Vieh. Laut einer kurz vor Kriegsbeginn angefertigten, der Nachwelt erhalten gebliebenen Inventarliste des damaligen Ortsbauernführers Diedrich Hoffrogge handelt es sich dabei um zwei Pferde, vier Milchkühe, sechs Jungrinder, zehn Schweine und 80 Hühner.
Im November 1939 heiratet Schwester Frieda Klaus Kück aus Karlshöfenermoor. Während Heinrichs Schwager unmittelbar nach der Hochzeit zur Wehrmacht einrücken muss, bleibt Frieda mit dem im Januar 1940 geborenen Sohn Hartwig auf dem Runge-Hof. Die beiden anderen Schwestern sind wie Heinrich noch ledig.
Das angesichts der Landung alliierter Streitkräfte in der Normandie vorentscheidende Kriegsjahr 1944 bringt für Heinrich und seine Familie einige gravierende Einschnitte. Im April stirbt Frieda Kück, die bereits länger an Tuberkulose erkrankt war. Am Jahresende wird Heinrich zum Volkssturm herangezogen, bleibt aber ortsnah eingesetzt und übersteht die Einnahme Lintels durch kanadische Einheiten im Frühjahr 1945 unversehrt. Bald darauf kehrt auch Schwager Klaus Kück in die Heimat zurück. Er heiratet später Minna Vosteen aus Kirchkimmen, bleibt der Familie seiner ersten Ehefrau aber weiter verbunden.
Nach den schwierigen ersten Nachkriegsjahren kann Heinrich nach der im Juni 1948 vollzogenen Währungsreform endlich wieder in die Bienenzucht investieren. Er steigert die Zahl der gehaltenen Bienen auf zeitweise bis zu 180 Völker und ist immer auf der Suche nach neuen attraktiven Standorten für seine Bienenwagen. Transportiert werden sie von einem während des Krieges mit ausgebautem Motor und abmontierten Reifen stillgelegten DKW 4=8, den Heinrich schon in den 1930er Jahren angeschafft hat. Als der Männergesangverein „Harmonie“ und der örtliche Schützenverein ihre Aktivitäten wieder aufnehmen, ist Heinrich von Beginn an wieder mit dabei. Beim 1949 ins Leben gerufenen Ortslandvolkverband Lintel gehört er nicht nur zu den Gründungsmitgliedern, sondern übernimmt zudem das Amt des Schriftführers – nicht zuletzt deshalb, weil er eines der wenigen Mitglieder ist, das über eine Schreibmaschine verfügt.
Am 24. Juli 1956 heiratet Heinrich Herta Kläner vom rund einen Kilometer weiter nordöstlich gelegenen Kläner-Hof (heutige Eigentümer: Anke und Helge Abel). Diesen von der Fläche her etwas größeren Hof bewirtschaftet Herta nach der Hochzeit weiter zusammen mit ihren Eltern Diedrich und Berta, während Heinrich zwischen den beiden Höfen pendelt. Nach dem Auszug von Schwester Emma – sie heiratet im Oktober 1957 Emil Schwarting aus Vielstedt – und dem Tod von Vater Diedrich im November 1959 verlagert Heinrich seinen Lebensmittelpunkt mehr und mehr Richtung Kläner-Hof. Auf dem Runge-Hof bleiben Schwester Alwine und Neffe Hartwig zurück. Letzterer, als Landwirt ausgebildet und von Großvater Diedrich Runge im Falle von Heinrichs Kinderlosigkeit frühzeitig zum Nachfolger bestimmt, konzentriert sich in den folgenden Jahren auf die Schweinezucht, unterstützt Heinrich aber auch in der Imkerei.
Im Juni 1967 stirbt Heinrichs Schwiegermutter Berta Kläner, im Mai 1974 dann Schwiegervater Diedrich Kläner. Ehefrau Herta bewirtschaftet den von ihren Eltern geerbten Hof bis 1987 in kleinem Rahmen weiter, verpachtet dann aber die Ländereien. Heinrich, beim Tod des Schwiegervaters bereits seit fast fünf Jahren offiziell in Rente, packt hier und da noch mit an und widmet sich ansonsten weiter hobbymäßig seinen Bienen. Im Männergesangverein und im Schützenverein ist er zudem bis ins hohe Alter aktiv.
Heinrich stirbt am 10. April 1991, vier Monate vor seinem 87. Geburtstag. Beerdigt ist er zwei Tage später auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude.