Herta Elise Runge wird am 24. September 1922 als zweites Kind von Diedrich Kläner und Berta Kläner auf dem elterlichen Hof in Lintel (heutige Eigentümer: Anke und Helge Abel) geboren. Sie ist die jüngere Schwester von Gretchen Barkemeyer und die ältere Schwester von Alwine Kläner.
Am Tag von Hertas Geburt besiegeln die fünf Jahre lang verfeindeten Schwesterparteien MSPD und USPD auf einem gemeinsamen Parteitag in Nürnberg ihre Wiedervereinigung. Beide Parteien führen ihre Wurzeln auf die 1875 durch den Zusammenschluss von SDAP und ADAV entstandene und 1890 in SPD umbenannte SAP zurück und verstehen sich als parlamentarischer Arm der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung. Zur Trennung war es angesichts der unterschiedlichen Haltung zum Ersten Weltkrieg gekommen: Die SPD hatte 1914 einen „Burgfrieden“ mit dem eigentlich aus tiefstem Herzen abgelehnten politischen System des Kaiserreichs geschlossen und im Reichstag der Ausgabe von Kriegsanleihen zugestimmt. Im weiteren Verlauf des Krieges verlassen jedoch immer mehr SPD-Abgeordnete die offizielle Parteilinie und spalten sich schließlich im April 1917 als „Unabhängige“ von der Fraktion der Mehrheits-Sozialdemokraten ab.
Eine radikale, unbeirrt das von Karl Marx im Kommunistischen Manifest formulierte Ziel der Weltrevolution verfolgende Gruppe um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg bildet zunächst den linken Flügel der USPD und fordert 1918 im Zuge der Novemberrevolution einen von Räten regierten Staat nach dem Vorbild Sowjetrusslands. Den fordern zwar auch weite Teile der übrigen USPD. Dennoch arbeitet die Parteiführung zunächst mit der MSPD zusammen und bildet mit ihr als provisorische Regierung der neu ausgerufenen Republik den Rat der Volksbeauftragten. Nach den Weihnachtsunruhen wechselt die USPD dann erneut die Seiten und unterstützt im Anfang Januar 1919 von Freikorps-Einheiten im Auftrag der MSPD niedergeschlagen Spartakusaufstand die in der Zwischenzeit von Liebknecht und Luxemburg ins Leben gerufene KPD.
In dieser völlig undurchsichtigen Gemengelage sitzt die USPD am Ende zwischen allen Stühlen. Zwar erzielt sie bei den Reichstagswahlen von 1920 noch einen beachtlichen Stimmenanteil von fast 18 Prozent. Danach verliert sie sich jedoch zunehmend im Richtungsstreit und muss einen massiven Abgang von Mitgliedern verkraften, die entweder zur radikaleren KPD wechseln oder wie ihr prominenter Mitgründer Karl Kautsky den Weg zurück zur (längst wieder unter dem ursprünglichen Namen SPD agierenden) Mutterpartei finden. Den letzten Anstoß zur Wiedervereinigung gibt im Juni 1922 der tödliche Anschlag auf Reichsaußenminister Walther Rathenau. Er überzeugt eine Mehrheit des USPD-Vorstands davon, dass nur eine vereinte und starke SPD die von rechten Extremisten drohende Gefahr für die Republik abwenden kann. Lediglich eine kleine Funktionärsgruppe um Georg Ledebour, Gustav Laukant, Paul Wegmann, Gerhard Obuch und Theodor Liebknecht widersetzt sich der Vereinigung. Die unter ihrer Führung weiter unter dem Namen USPD agierende Splitterpartei versinkt jedoch schon bald in der Bedeutungslosigkeit.
SPD, USPD oder KPD? Im Lintel der frühen 1920er Jahre stellt sich diese Frage vermutlich kaum einem Wähler oder einer Wählerin. Zum einen sind die ganz überwiegend in der Landwirtschaft tätigen Bewohner weit weg vom typischen, eher in Großstädten beheimateten Arbeiter-Milieu. Zum anderen macht ihnen wie den meisten Bürgern der noch jungen Weimarer Republik nicht nur die unsichere politische Großwetterlage zu schaffen, sondern vor allem der katastrophale Zustand der Wirtschaft – abzulesen an der immer weiter voranschreitenden Geldentwertung, in der Dinge des alltäglichen Lebens plötzlich nur noch für Millionen oder sogar Milliarden von Mark zu kaufen sind. Der Spuk endet erst 1924, dem Geburtsjahr von Hertas jüngerer Schwester Alwine, mit der Einführung der durch Grundschulden gedeckten Rentenmark.
Hertas Eltern bewirtschaften in Lintel einen 1753 begründeten Hof, den ihr aus Hiddigwardermoor stammender Großvater Gerhard Hinrich Kläner 1898 gekauft hat. Ihn lernen Herta und ihre Schwestern als Kind noch kennen, ebenso wie Großmutter Gesine Margarete und die Großeltern mütterlicherseits, Johann Reinhard und Helene Sophie Lohse aus Huntorf bei Elsfleth. Letztere stirbt allerdings im Januar 1930. Gesine Margarete Kläner folgt im März 1931.
Sehr wahrscheinlich von Frühjahr 1929 an besucht Herta die von ihrem Elternhaus rund 600 Meter entfernte Volksschule. Dort gehören unter anderem Gerda Claußen, Anna Möhlenbrock, Anneliese Schmidt und Rosa Wachtendorf zu ihren in etwa gleichaltrigen Klassenkameradinnen. Die folgenden Jahre sind abermals von massiven wirtschaftlichen Schwierigkeiten geprägt – die im Herbst 1929 in den USA ausbrechende Weltwirtschaftskrise greift kurz nach dem Tod von Großmutter Gesine Margarete auch auf Deutschland über und treibt der extremen Rechten, der sich die SPD mit ihrer Wiedervereinigung entgegenstemmen wollte, massiv Wähler zu. Bei der Reichstagswahl vom Juli 1932 erreichen die Sozialdemokraten nur noch einen Stimmenanteil von 21,6 Prozent, während die von Adolf Hitler angeführten Nationalsozialisten mit 37,3 Prozent triumphieren. Ein halbes Jahr später ernennt Reichspräsident Paul von Hindenburg Hitler zum Reichskanzler und leitet damit den Übergang von der Demokratie zum diktatorischen NS-Staat ein.
Wie Herta sich unter den neuen Verhältnissen zurechtfindet, liegt heute weitgehend im Dunkeln. Nach Schulabschluss und Konfirmation geht sie irgendwo in der näheren Umgebung in Stellung – wo genau, ist nicht mehr bekannt. Im Juni 1937 stirbt Großvater Gerhard Hinrich Kläner im Alter von 79 Jahren. Als im April 1939 der noch verbliebene Großvater Johann Reinhard Lohse stirbt, stehen die Zeichen in Europa bereits auf Sturm: Zwei Wochen zuvor haben italienische Truppen Albanien überfallen, in Prag patrouillieren nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei deutsche Panzer und Hitler gibt die Kündigung des 1934 geschlossenen Nichtangriffspakts mit Polen bekannt. Der deutsche Überfall auf den östlichen Nachbarn löst am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg aus.
Dass im Kriegsgeschehen der folgenden Jahre niemand aus der Familie ernsthaft zu Schaden kommt, ist vermutlich eine der wenigen positiven Nachrichten, die es bis 1945 vom Kläner-Hof zu vermelden gibt. Der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht folgt wie überall der mühsame Wiederaufbau – und für Hertas Eltern sicher irgendwann die Frage, welche der drei Töchter den Hof später einmal übernehmen soll. Kurz nach der Währungsreform vom Juni 1948 heiratet die älteste, Gretchen, Bruno Barkemeyer und zieht zu ihrem Ehemann nach Ahlhorn. Die jüngste, Alwine, stirbt überraschend im Januar 1951, gerade einmal 26 Jahre alt. Somit läuft zu Beginn des neuen Jahrzehnts alles auf Herta zu.
Im September 1952 feiert Herta ihren 30. Geburtstag – noch unverheiratet, aber durchaus mit konkreten Plänen für die Zukunft als designierte Hof-Erbin. Spielt Heinrich Runge darin schon eine Rolle? Wann genau Herta und ihr künftiger, ebenfalls aus Lintel stammender Ehemann ein Paar werden, ist heute in der Familie nicht mehr bekannt. Heinrich ist der Grunderbe eines rund einen Kilometer entfernt liegenden Hofes (heute: Hartwig Kück) und betreibt nebenbei eine gut laufende Bienenzucht.
Herta und Heinrich heiraten am 24. Juli 1956. Danach betreiben beide Eheleute ihren jeweiligen Hof unabhängig voneinander weiter, wobei Heinrich weiter einen Großteil seiner Arbeitszeit der Imkerei widmet und Herta von ihren Eltern und später teilweise auch von externen Kräften unterstützt wird. Anfang der 60er Jahre trifft Herta dann eine Entscheidung, die sich in späteren Jahrzehnten noch als sehr wertvoll erweisen wird: Sie macht den Führerschein und ist damit anders als Mutter Berta, Schwägerin Alwine Runge und viele andere Frauen ihrer Generation im Dorf voll mobil.
Im Juni 1967 stirbt Berta Kläner, im Mai 1974 dann auch Diedrich Kläner. Da aus ihrer Ehe keine Kinder hervorgegangen sind, verpachtet Herta 1987 mit Erreichen des Rentenalters die Ländereien, bleibt aber auf der Hofstelle wohnen – zunächst mit Heinrich, der 1991 im Alter von 86 Jahren stirbt, danach alleine. Langeweile kommt jedoch bei Herta auch als Witwe nicht auf: Sie ist bis ins hohe Alter mit dem Auto unterwegs, bekommt viel Besuch, telefoniert leidenschaftlich gern mit Freunden, Verwandten und Bekannten und pflegt ein gutes Verhältnis zu ihren Nachbarn Anke und Helge Abel sowie deren Kindern Ingvild, Theis, Göran und Roar.
Herta stirbt am 18. Januar 2003, vier Monate nach ihrem 80. Geburtstag. Beerdigt ist sie vier Tage später auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude.