Martha Wilkens – Biographie

Martha Wilkens wird am 18. April 1889 als fünftes Kind von Adam Drieling und Gesine Drieling auf dem elterlichen Hof in Lintel (heute: Gerhard Sedlaczek und Frank Peters) geboren. Sie ist die jüngere Schwester von Ernst Drieling, Rudolf Gerhard Drieling und Anni Drieling. Ein weiteres Geschwisterkind ist am 17. Juni 1885 noch am Tag der Geburt namenlos verstorben. Mit Friederike Margarete Hinrike Drieling, Johann Hinrich Drieling und Gesine Schriefer hat sie zudem noch zwei ältere Halbgeschwister aus der ersten Ehe ihres Vaters mit Anna Sophia Kläner.

Fünf Tage nach Marthas Geburt läuft in Stettin der PostdampferKaiser Wilhelm II.“ vom Stapel. Es ist das bis dato größte für den Norddeutschen Lloyd gebaute Schiff und das erste, das zehn Monate nach dessen Krönung den Namen des neuen deutschen Kaisers trägt. In Dienst gestellt wird es am 26. August 1889, die einen Tag später beginnende Jungfernfahrt führt von Bremerhaven nach New York. Unmittelbar darauf nimmt die „Kaiser Wilhelm II.“ wie vorgesehen den Postverkehr nach Australien auf. Bei der ersten Ankunft in Sydney bestaunen 20.000 Menschen den knapp 142 Meter langen Dampfer.

Eine Reaktion ganz nach dem Geschmack des Namensgebers. Wilhelm II. lässt als Monarch früh seine Begeisterung für alles Maritime erkennen und begibt sich auch selbst liebend gern aufs Wasser. An Bord der kaiserlichen Yacht „Hohenzollern“ startet er am 1. Juli 1889 zu seiner ersten Nordland-Reise, die er fortan bis 1914 in jedem Jahr wiederholen wird. Kaum aus Norwegen zurückgekehrt, geht es mit der „Hohenzollern“ nach London zu Großmutter Victoria, anschließend dann nach Griechenland zur Hochzeit von Wilhelms Schwester Sophie von Preußen mit Kronprinz Konstantin. Auf dem Rückweg besuchen Wilhelm und Ehefrau Auguste Viktoria noch den osmanischen Sultan Abdülhamid II. in Konstantinopel sowie die österreichische Kaiserin Elisabeth auf Korfu.

Weil die 1880 gebaute Yacht technisch nicht mehr auf dem neuesten Stand ist, beantragt Wilhelm beim Reichstag die Mittel für einen Neubau – die er nach kurzer Diskussion auch genehmigt bekommt. Noch bevor die Stettiner Werft AG Vulcan den Auftrag für den Bau der neuen „Hohenzollern“ erhält, eskaliert der schon länger schwelende Machtkampf mit Reichskanzler Otto von Bismarck: Der „Lotse“ und „Schmied“ des Deutschen Reiches geht im März 1890 im Unfrieden von Bord.

Eine Entscheidung von durchaus historischer Bedeutung, die in jenen Tagen vermutlich auch in Lintel kontrovers diskutiert wird. Die wahre Tragweite aber vermag wahrscheinlich auch Jahre später noch niemand abzusehen. Schon gar nicht in Marthas Familie, die viel zu sehr mit den sich in ihren eigenen Reihen abspielenden Dramen beschäftigt sein dürfte. Denn der im ersten Absatz erweckte Eindruck, dass in ihrer Obhut eine größere Schar an Kindern aufwächst, täuscht. Außer Martha leben im Frühjahr 1890 nur noch ihre 1872 und 1875 in Ollenermoor geborenen Halbgeschwister Johann Hinrich und Gesine. Halbschwester Friederike Margarete Hinrike ist 1880 im Alter von zehn Jahren verstorben, die anderen Geschwister kommen zwischen 1883 und 1887 jeweils nicht über das Säuglingsalter hinaus. Bald darauf müssen die drei überlebenden Kinder auch den Vater gehen lassen: Adam Drieling stirbt am 16. Mai 1891, ein halbes Jahr nach seinem 60. Geburtstag.

Für Mutter Gesine alles andere als eine einfache Situation. Im Bemühen, den erst 1888 gekauften Hof zu halten, bekommt sie Hilfe durch Hermann Ahrens aus Hiddigwarden. Er wird im Mai 1897 Marthas Stiefvater und bringt seinen jüngsten, im Juni 1889 geborenen Sohn Heinrich in die neue Ehe ein. Mit ihm besucht Martha fortan die im selben Jahr eröffnete Volksschule in Lintel, nachdem sie zuvor zwei Jahre lang in der gemeinsam mit dem Nachbardorf Hurrel betriebenen Vorgänger-Schule auf dem heutigen Hof von Gerold und Anke Schröder unterrichtet wurde.

Zweieinhalb Jahre nach Marthas Schulentlassung und Konfirmation stirbt im August 1905 auch Mutter Gesine. Danach führt zunächst Stiefvater Hermann mit Marthas und Heinrichs Hilfe den rund sieben Hektar großen Hof weiter. Eigentümerin ist allerdings Martha – sie hat ihn bereits 1891 beim Tod des Vaters überschrieben bekommen.

Ihren künftigen Ehemann findet Martha in direkter Nachbarschaft: Hinrich Wilkens, 1880 in Hurrel geboren, arbeitet seit einigen Jahren auf dem rund 600 Meter entfernt liegenden Hof des Linteler Großbauern Carl Georg Haverkamp (heute: Ralf und Karin Haverkamp). Martha und Hinrich heiraten am 12. Mai 1911. Für Hermann und Heinrich Ahrens ändert sich dadurch nichts, sie bleiben weiter in die Bewirtschaftung des durch die Heirat zum Wilkens-Hof gewordenen Betriebs eingebunden.

Mit der Geburt ihres Sohnes Benno am 17. Januar beginnt das Jahr 1914 für Martha und Hinrich recht hoffnungsfroh. Fünf Monate später platzt mitten in die Vorbereitungen für die 26. Nordlandreise von Wilhelm II. die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Ehefrau Sophie in Sarajevo. Der Kaiser fährt trotzdem, und in den folgenden Wochen fehlt auf deutscher Seite nicht nur das diplomatische Geschick eines auf Ausgleich zwischen den europäischen Großmächten bedachten Kanzlers Bismarck, sondern auch die Erkenntnis, dass die von seinen Nachfolgern beschworene „Nibelungentreue“ zu Österreich-Ungarn dem Land einen nur schwer zu gewinnenden Zwei-Fronten-Krieg mit Russland und Frankreich aufzwingt – ein Szenario, das Bismarck in seiner Amtszeit stets unter allen Umständen zu verhindern versucht hatte.

Am Anfang August 1914 beginnenden Ersten Weltkrieg nimmt sehr wahrscheinlich Heinrich Ahrens teil, nicht jedoch Hinrich Wilkens, der entweder als unabkömmlich gilt oder damals schon mit gesundheitlichen Problemen kämpft. Im Dezember 1917 bringt Martha Tochter Gerda zur Welt. Ein knappes Jahr später endet der Krieg mit einer deutschen Niederlage. Kaiser Wilhelm muss abdanken und den Weg für die am 9. November 1918 gleich zweimal ausgerufene Republik freimachen.

Die wirtschaftlichen Folgen der Niederlage sind auch in Lintel zu spüren. Trotzdem können Martha und Hinrich den Hof in den folgenden Jahren um einige Hektar vergrößern. Dann allerdings erkrankt Hinrich an Magenkrebs, er stirbt im Juni 1927 kurz vor seinem 47. Geburtstag. Ein Jahr später wandert Marthas Stiefbruder Heinrich nach Brasilien aus. Anfang 1931 stirbt auch Stiefvater Hermann, so dass Martha bei der täglichen Feld- und Stallarbeit stärker denn je auf ihre heranwachsenden Kinder Benno und Gerda angewiesen ist.

Wer von beiden bekommt später den Hof? Als Mann ist Benno in dieser Frage sowohl gemäß Höfe-Ordnung als auch nach dem von den seit Anfang 1933 regierenden Nationalsozialisten erlassenen Reichserbhofgesetz im Vorteil. Durch seine Hochzeit mit Henny Barkemeyer im April 1938 ergibt sich jedoch für ihn die Chance, den deutlich größeren Hof seines Schwiegervaters Georg Barkemeyer in Hurrel (heute: Irmgard und Gerold Wachtendorf) zu übernehmen. Da es zwischen beiden jedoch von Beginn an Differenzen gibt, kehrt Benno bereits nach einem halben Jahr nach Lintel zurück. Ehefrau Henny und die im Juli 1938 geborene Tochter Irmgard kommen im Frühsommer 1939 nach. Schwester Gerda, mittlerweile ebenfalls verheiratet, ist inzwischen auf den Hof ihres Ehemanns August Drieling in Hudermoor gezogen.

Kaum wieder in Lintel angekommen, sieht sich Benno nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 mit seiner Einberufung zur Wehrmacht konfrontiert. Hilfe auf dem Hof bekommen Martha und Henny, die im April 1941 ihre zweite Tochter Elfriede zur Welt bringt, in dieser schwierigen Zeit unter anderem von Brasilien-Heimkehrer Heinrich Ahrens sowie von einem französischen Kriegsgefangenen, dessen Name in der Familie aber nicht mehr bekannt ist. Mit der Geburt von Gerdas Tochter Irmgard wird Martha dann im März 1943 noch ein drittes Mal Großmutter.

Während Schwiegersohn August Drieling den Krieg nicht überlebt, gerät Benno in amerikanische Gefangenschaft – Martha kann ihn so erst im Frühjahr 1947 wieder in die Arme schließen. Zu diesem Zeitpunkt ist Tochter Gerda bereits mit Hermann Lindemann aus Schönemoor verheiratet. Aus dieser Ehe geht im Juni 1948 Marthas vierte Enkeltochter Hannelore hervor.

Nach Bennos Rückkehr kümmert Martha sich in Lintel vor allem um den Haushalt und ihre beiden auf dem Wilkens-Hof aufwachsenden Enkeltöchter, hilft aber auch noch regelmäßig in der Landwirtschaft mit. Im Sommer 1951 wird sie mit Nierensteinen in ein Oldenburger Krankenhaus eingeliefert, das sie aber zunächst relativ schnell wieder verlassen kann. Nach zwei arbeitsamen Tagen in der Getreide-Ernte setzt ihr dann am 20. August 1951 eine neuerliche Nierenkolik schwer zu. Ein von Benno eilig herbeigerufener Arzt setzt ihr eine schmerzstillende Beruhigungsspritze – die Marthas Herz aber ganz offensichtlich nicht verkraftet: Sie stirbt nur wenige Stunden später. Beerdigt ist Martha vier Tage nach ihrem Tod auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude.