Helene Wachtendorf – Biographie

Helene Marie Wachtendorf wird am 2. Mai 1894 als einziges Kind von Tönjes Diedrich Martin Bischoff und Anna Margarete Bischoff auf dem elterlichen Hof in Lintel (heute: Fred Melius) geboren.

Einen Tag vor Helenes Geburt bleiben im Berliner Vorort Rixdorf rund 300 Böttcher unerlaubt ihrer Arbeit fern. Sie wollen den international als „Tag der Arbeit“ gewürdigten 1. Mai begehen, haben dafür aber nicht frei bekommen. Ihre Arbeitgeber – Brauereibesitzer, für die die Böttcher die zum Transport des Bieres nötigen Fässer zusammenzimmern – reagieren mit Aussperrung: Am nächsten Morgen stehen die an der Protestaktion Beteiligten sowie weitere Kollegen vor verschlossenen Türen.

In den folgenden Tagen schaukelt sich der Konflikt, der als Berliner Bier-Boykott in die Geschichtsbücher eingeht, weiter hoch. Die plötzlich ohne Lohn dastehenden Böttcher rufen zum Generalstreik auf und fordern neben einem Neun-Stunden-Tag unter anderem die offizielle Anerkennung des 1. Mai als Feiertag. Forderungen, denen sich andere Beschäftigte anschließen. Die im nächsten Eskalations-Schritt ausgesprochenen Entlassungen zwingen auch die zunächst eher passiv gebliebenen Gewerkschaften und die SPD zum Handeln. Am 17. Mai ruft das SPD-Parteiorgan „Vorwärts“ auf seiner Titelseite zum Boykott von sieben großen Berliner Brauereien auf. Gemieden werden sollen neben dem Bier dieser Brauereien auch die Lokale, die es ausschenken.

Der auf breiter Basis befolgte Konsumverzicht zeigt durchaus Wirkung. Etliche Wirte weisen mit Schildern auf „boykottfreies“ Bier hin, die mit einem Bann belegten Brauereien verzeichnen empfindliche Umsatzeinbußen. Als erste Verhandlungen ohne Ergebnis bleiben, dehnen die Gewerkschaften den Boykott auf weitere Brauereien aus. Die wiederum halten dagegen: Sie drängen Gastwirte, ihre Säle nicht mehr für sozialdemokratische Veranstaltungen zur Verfügung zu stellen, und werben in der Presse um die öffentliche Meinung.

Je länger der Boykott dauert, desto stärker schwindet der Rückhalt der Streikenden in der Bevölkerung. Die Kassen der Gewerkschaften leeren sich, doch auch die Brauereien sorgen sich inzwischen um ihre Dividenden und das lukrative Geschäft zum Jahreswechsel. Nach rund acht Monaten endet der Boykott deshalb Ende Dezember 1894 mit einem Kompromiss. Die Brauereien erkennen die Gewerkschaften als Verhandlungspartner an und richten mit ihnen eine gemeinsame Stelle ein, die künftig Arbeitskräfte vermittelt. Sie ist zu gleichen Teilen mit Vertretern der Gewerkschaften und der Brauereien besetzt und wird von einer unabhängigen Person geleitet. Ausgesperrte oder entlassene Arbeiter sollen nach Möglichkeit wieder eingestellt werden. Die Forderungen nach kürzeren Arbeitszeiten und einem freien 1. Mai bleiben allerdings unerfüllt.

Mag der Streit um den 1. Mai in den Arbeitersiedlungen Oldenburgs oder in der nahegelegenen Industriestadt Delmenhorst auch so manches Gemüt bewegen – in den landwirtschaftlich geprägten Dörfern des Großherzogtums wie Lintel ist das mit einiger Sicherheit nur ein Randthema. Das dürfte auch für Helenes Elternhaus gelten, wo Vater Tönjes Diedrich Martin neben der Landwirtschaft noch eine kleine Schuhmacher-Werkstatt betreibt. Dort wächst Helene in den folgenden Jahren ohne Geschwister auf. Ihre zuvor mit auf dem Hof lebenden Großeltern Diedrich Hinrich und Johanna Gesina Maria Bischoff lernt Helene nicht mehr kennen, sie sind 1891 und 1892 kurz nacheinander verstorben.

Vermutlich von Frühjahr 1900 an besucht Helene die 1897 neu eröffnete Linteler Dorfschule. Zu ihren Mitschülerinnen gehören unter anderem Annchen Hollmann und Anna Wachtendorf. Während Annchens Schulweg nur knapp 400 Meter beträgt, müssen Helene und Anna – beide aus Richtung Osten kommend – deutlich weiter laufen. Gut möglich, dass sie nach Annas Einschulung auf halber Strecke an einem vereinbarten Treffpunkt aufeinander warten und (begleitet von Annas älterem Bruder Hinrich) auch mittags den Nachhauseweg zunächst gemeinsam antreten.

Wann aus Helene und Hinrich ein Paar wird, liegt mehr als ein Jahrhundert später im Dunkeln. Dasselbe gilt für die Jahre zwischen Helenes Konfirmation und dem Beginn des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914. Da sie später einmal den rund acht Hektar großen Bischoff-Hof erbt, ist es aber eher unwahrscheinlich, dass sie längere Zeit andernorts in Stellung geht. Demgegenüber kann es durchaus sein, dass Hinrich bereits vor der Hochzeit im Betrieb seines künftigen Schwiegervaters mitarbeitet – bis er seine Einberufung zur kaiserlichen Armee erhält, die die möglicherweise schon geplante Trauung zunächst einmal in weite Ferne rückt. Wie für Millionen andere Frauen in vergleichbarer Situation beginnt damit für Helene eine Zeit der Ungewissheit, die erst nach dem Waffenstillstand im November 1918 mit der Rückkehr des künftigen Bräutigams endet.

Helene und Hinrich heiraten am 28. Februar 1919 in Hude. Danach arbeiten beide auf dem Hof an der Hurreler Straße, auf dem Vater Tönjes Diedrich Martin inzwischen auch eine Bienenzucht etabliert hat. Bereits wenige Monate später ist Helene schwanger. Sohn Johann wird im Januar 1920 geboren – zu einer Zeit also, in der die politischen und wirtschaftlichen Probleme der noch jungen Weimarer Republik überhand zu nehmen drohen. Mitten in die aufziehende Hyperinflation hinein kommt im April 1923 Tochter Rosa hinzu. Im Juni 1925 stirbt Helenes Vater, laut Kirchenbuch der Gemeinde Hude an einem nicht näher beschriebenen Magen- und Darmleiden. Wahrscheinlich noch vor Geburt der zweiten Tochter Else im Januar 1928 nimmt Ehemann Hinrich eine Tätigkeit bei der Reichsbahn auf. Das verbessert die finanzielle Lage der Familie, bedeutet für Helene aber auch mehr Arbeit auf dem Hof. Der wiederum wird zeitweise zur Dauer-Baustelle: Hinrich baut ein neues Haupthaus, das er und Helene nach der Fertigstellung mit den Kindern beziehen. Mutter Anna Margarete bleibt derweil im vertrauten alten Zwei-Ständer-Hallenhaus wohnen.

Parallel zu Helenes vierter Schwangerschaft (Tochter Hertha wird im März 1931 geboren) greift die Weltwirtschaftskrise auch auf Deutschland über. Als Reaktion auf angekündigte Lohnkürzungen in der Berliner Metallindustrie organisieren die SPD-dominierten Gewerkschaften im Oktober 1930 ihren letzten großen, weitgehend erfolglos bleibenden Arbeitskampf vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Deren Führer Adolf Hitler erfüllt zwar im Frühjahr 1933 die jahrzehntealte Forderung, den 1. Mai zum gesetzlichen Feiertag zu erheben. Schon am 2. Mai 1933 lässt er jedoch prominente Arbeiterführer wie Theodor Leipart oder Hans Böckler in „Schutzhaft“ nehmen, beschlagnahmt das Vermögen ihrer Organisationen und ordnet einige Tage später die Überführung aller Mitglieder in die nationalsozialistische Deutsche Arbeitsfront an. Eine Gleichschaltung, die danach im NS-Staat das gesamte öffentliche Leben durchzieht. Auf dem Bischoff-Hof wächst die Kinderschar derweil weiter: Im Januar 1936 wird Wilma geboren und im November 1938 – zwei Wochen nach der gegen die jüdische Bevölkerung gerichteten Reichspogromnacht – macht die jüngste Tochter Erna die Familie komplett.

Für den inzwischen 18-jährigen Sohn Johann führt angesichts der 1935 reaktivierten Wehrpflicht an der seither massiv aufgerüsteten Armee kein Weg vorbei. Um ein Mindestmaß an Wahlfreiheit zu haben, meldet er sich freiwillig zur Wehrmacht – und entscheidet sich für die Luftwaffe. Als er im Januar 1940 in die Ausbildungskaserne einrückt, herrscht bereits wieder Krieg in Europa, ausgelöst durch den deutschen Überfall auf Polen. Um ihn dürfte Helene in den folgenden Jahren ähnlich bangen wie im Ersten Weltkrieg um ihren künftigen Ehemann Hinrich. Dieses Mal ohne glücklichen Ausgang. Johann (seit Februar 1942 mit Hermanda Loers aus Idafehn verheiratet und Vater von Helenes im Juli 1942 geborenem Enkel Hans) fällt im August 1944 an der Ostfront. Drei Monate später bringt Hermanda Helenes zweiten Enkel Johann Junior zur Welt. Tiefe Trauer, das Wunder neuen Lebens und die Angst vor einer völlig ungewissen Zukunft liegen am Ende jenes schicksalhaften Jahres auch für Helene nah beieinander.

Nachdem im Januar 1945 auch Schwager Gerhard Wachtendorf an der Ostfront fällt, gibt es Anfang Mai in Helenes und Hinrichs Familie einen weiteren tragischen Verlust: In Tweelbäke wird ihre Nichte Hertha Osterthun auf dem Weg in den hofeigenen Bunker von einem Granatsplitter tödlich verletzt. Dunkle Wochen und Monate also, in denen es für Helene nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht vermutlich überhaupt nur einen positiven Gedanken gibt: Endlich ist der Krieg zu Ende!

Den Weg zurück in die Normalität markieren in den auf die Stunde Null folgenden Jahren gleich mehrere familiäre Ereignisse: Zunächst heiratet im Februar 1946 die älteste Tochter Rosa Rudolf Weißflog. Sieben Monate später heiratet Schwiegertochter Hermanda Herbert Hemme und verlässt mit ihren Söhnen den Bischoff-Hof Richtung Vielstedt. Die Beziehung nach Lintel bleibt aber auch danach gut und herzlich. Der Tod von Helenes Mutter Anna Margarete im September 1947 führt zu einer abermaligen Rochade auf dem hofeigenen Gelände: Helene und Hinrich ziehen mit den noch im elterlichen Haushalt lebenden Töchtern zurück in den Altbau, während Rosa und Rudolf Weißflog fortan im Neubau wohnen und dort insgesamt drei Kinder bekommen: Karin, Ingrid und Rudi. Kurz vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland heiratet im Februar 1949 Tochter Else Bruno Jager, im Jahr darauf dann Tochter Hertha Walter Wieting. Else und Bruno errichten in Sichtweite des Hofes einen Neubau, was Helene einen engen Kontakt zu den dort aufwachsenden Enkelkindern Rolf, Werner, Horst, Uwe, Ute und Wilfried ermöglicht. Hertha und Walter wiederum lassen sich in Hude nieder und bekommen zwei Kinder: Christa und Holger.

Die nach der im Juni 1948 in Kraft getretenen Währungsreform getroffene Entscheidung von Ehemann Hinrich, seine Stellung bei der Bahn zu kündigen und sich ganz auf die Bewirtschaftung des Hofes zu konzentrieren, erweist sich bald als Fehleinschätzung. Zwar erlebt die Landwirtschaft in den Jahren des Wirtschaftswunders einen deutlichen Aufschwung. Letztlich reicht die vorhandene Betriebsgröße jedoch nicht aus, um daran dauerhaft teilzuhaben. Dafür, dass ihr mittlerweile bei den Lloyd-Motoren-Werken in Bremen angestellter Schwiegersohn Rudolf Weißflog eine Alternative aufzeigt, dürfte Helene deshalb ebenso dankbar sein wie Hinrich selbst, der danach die letzten Berufsjahre bei Lloyd verbringt. Anschließend den Ruhestand zu genießen, ist Hinrich freilich nicht vergönnt: Er stirbt im April 1960, gerade einmal zehn Wochen nach seinem 65. Geburtstag.

Trost findet Helene in der weiter wachsenden Familie. Nach der Hochzeit von Erna mit Heinz Helms (November 1958) und von Wilma mit Arthur Rüdebusch (August 1959) sind bei Hinrichs Tod bereits alle fünf Töchter verheiratet. Mit Wolfgang, Manfred, Klaus, Jürgen, Rainer, Hans-Jürgen, Burkhard, Hartmut und Ronald kommen für Helene im Laufe der Jahre noch einmal neun Enkelkinder hinzu. Macht in der Summe 22 – rein rechnerisch genug, um daraus zwei komplette Teams zu bilden und sie gegeneinander Fußball spielen zu lassen. Eine Vorstellung, über die Helene trotz ihrer ansonsten eher zurückhaltenden Art vermutlich laut und herzhaft gelacht hätte. Dass es ihr in der vom ersten Enkelkind an gerne ausgefüllten Großmutter-Rolle jemals langweilig wird, ist kaum vorstellbar.

Nach Hinrichs Tod wohnt Helene zunächst allein im alten Hallenhaus, ehe sie dort Ende der 1960er Jahre Gesellschaft von Enkel Hans bekommt. Mit der Familie feiert sie 1974 ihren 80. und 1984 bei guter Gesundheit auch ihren 90. Geburtstag. Zwei Jahre später zieht sie wieder ins Nachbargebäude, wo sich die Töchter Rosa und Else um sie kümmern. In deren Obhut stirbt sie am 6. Februar 1991 an Altersschwäche. Beerdigt ist Helene einige Tage darauf auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude.