Hinrich Wachtendorf – Biographie

Hermann Hinrich Wachtendorf – Rufname Hinrich – wird am 15. Februar 1895 als erstes Kind von Johann Friedrich Wachtendorf und Metta Wachtendorf in Lintel geboren. Er ist der ältere Bruder von Anna Borgmann, Clara Osterthun, Hermann Wachtendorf, Gerhard Wachtendorf, Johann Wachtendorf und Gesine Mindermann.

Zwei Wochen vor Hinrichs Geburt erschüttert eine der schwersten Schiffs-Katastrophen des ausgehenden 19. Jahrhunderts das Deutsche Reich. Am frühen Morgen des 30. Januar 1895 kollidiert der überwiegend mit Nordamerika-Auswanderern besetzte Passagierdampfer „Elbe“ des Norddeutschen Lloyd auf seiner Route von Bremerhaven nach New York mit dem britischen Frachtschiff „Crathie“ und sinkt innerhalb von 20 Minuten. Das Unglück ereignet sich in der südlichen Nordsee, auf Höhe der britischen Hafenstadt Lowestoft. Von den insgesamt mehr als 350 Menschen an Bord der „Elbe“ überleben lediglich 20 Personen.

Bei eisigen Winden und schwerer See rammt die „Crathie“ den Passagier-Dampfer mit voller Wucht auf der Backbordseite. Das strenge Winterwetter behindert die Rettungsmaßnahmen entscheidend: Durch den anhaltenden Frost sind die Seilzüge und Halterungen der Rettungsboote komplett vereist – sie lassen sich in der Dunkelheit nicht rechtzeitig bewegen oder brechen ab. Zudem führt die Wassertemperatur der Nordsee nahe dem Gefrierpunkt dazu, dass ins Meer stürzende Passagiere binnen weniger Minuten an einem Kälteschock oder an Unterkühlung sterben.

Wie sich später herausstellt, haben der wachhabende Offizier und der Ausguck der „Crathie“ ihre Posten verlassen, um in der Kombüse einen Kaffee zu trinken. Somit befindet sich kurz vor dem Zusammenstoß nur ein einzelner Matrose am Ruder, dessen Sichtfeld durch die Schiffsaufbauten stark eingeschränkt ist. Fast noch schwerer als diese Pflichtverletzung wiegt das anschließende Verhalten des Kapitäns: Ohne einen Versuch zur Rettung der Schiffbrüchigen zu unternehmen, lässt er die ebenfalls schwer beschädigte, aber noch manövrierfähige „Crathie“ wenden und zurück Richtung Rotterdam fahren. Ein Verhalten, das selbst in der britischen Heimat der Besatzung Befremden auslöst.

Die deutsche Presse wiederum beleuchtet wochenlang alle Einzelheiten der Katastrophe. Die auch in Hinrichs Geburtsort Lintel vielbeachtete Oldenburger Tageszeitung „Nachrichten für Stadt und Land“ macht da keine Ausnahme – zumal mit dem Dritten Offizier Theodor Stollberg eines der überlebenden Besatzungsmitglieder der „Elbe“ aus Oldenburg stammt. In der Ausgabe vom 15. Februar 1895 geht es beispielsweise um kritische Fragen des SPD-Reichstagsabgeordneten August Bebel zu den Sicherheitsvorschriften bei der deutschen Handelsmarine.

Die extremen Witterungsverhältnisse, die den Untergang der „Elbe“ begleitet haben, halten auch Mitte Februar 1895 noch an. „Teils heiteres, teils wolkiges Wetter mit strengem Frost“ lautet in der genannten Ausgabe der Oldenburger Lokalzeitung die Vorhersage für das Einzugsgebiet. Schnee und Kälte beeinträchtigen bis in den März hinein die Feldarbeit und setzen wahrscheinlich auch Hinrichs Eltern zu. Sie bewirtschaften in Lintel einen rund 15 Hektar großen Hof, den sein Urgroßvater 1825 begründet hat (heutiger Eigentümer: Hans-Gerd Wefer). Dort kommen zwischen 1896 und 1905 Hinrichs Geschwister zur Welt.

Die Ankunft der jüngsten Schwester Gesine am 7. April 1905 wird überschattet von einem Unglück, das Überlieferungen aus der Familie zufolge auf dem Hof kampierende Landstreicher oder Wandergesellen wenige Tage später auslösen. Als sie für ihr Frühstück ein Feuer entzünden, bleibt nach dem Aufbruch heiße Glut zurück, die zunächst die Scheune und dann auch das Haupthaus in Brand setzt. Wie durch ein Wunder kommt dabei niemand ernsthaft zu Schaden – was dem beherzten Eingreifen des gerade zur rechten Zeit die Post bringenden Briefträgers zu verdanken ist. Vater Johann Friedrich kann nicht helfen: Er hat sich kurz zuvor Richtung Hude aufgemacht, um bei der Gemeindeverwaltung die Geburt seiner Tochter anzuzeigen.

Hinrich sitzt an diesem verhängnisvollen Morgen sehr wahrscheinlich in der rund zwei Kilometer entfernten Volksschule, die er seit Frühjahr 1901 besucht. Oder haben die Osterferien – Karfreitag ist der 21. April – bereits begonnen? Eine Frage, die sich heute ebenso wenig mit letzter Sicherheit beantworten lässt wie jene nach der Notunterkunft der einzelnen Familienmitglieder in den folgenden Monaten. Findet Hinrich möglicherweise im Elternhaus eines seiner gleichaltrigen Linteler Schulkameraden (unter anderem Bernhard Geerken, Adolf Haverkamp, Georg Rodiek und Hinrich Tönjes) ein Quartier? Dass er als Zehnjähriger im weiteren Jahresverlauf seinen Beitrag zum Wiederaufbau des Wachtendorf-Hofes an leicht versetzter Stelle leistet, darf hingegen als gesichert angenommen werden.

Da in der Gemeinde Hude Jüngstenrecht gilt, sind Hinrichs Aussichten, eines Tages den elterlichen Hof zu übernehmen, eher gering. Will er nach Schulabschluss und Konfirmation in der Landwirtschaft bleiben, ohne sich als Knecht oder Heuermann zu verdingen, bleiben ihm im Grunde nur zwei Möglichkeiten: der Kauf einer eigenen Hofstelle oder die Einheirat in einen bestehenden Betrieb. Letzteres bahnt sich allem Anschein nach bereits vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 an. Hinrich erobert das Herz seiner ehemaligen Schulkameradin Helene Bischoff, der als Einzelkind aufgewachsenen Tochter des Linteler Brinksitzers Diedrich Martin Bischoff und dessen Ehefrau Anna Margarete.

Wann genau und bei welcher Gelegenheit aus Hinrich und Helene ein Paar wird, ist nicht überliefert – und ob es je zur Hochzeit kommen wird, hängt angesichts des Krieges, an dem Hinrich vermutlich vom ersten Tag an teilnimmt, lange Zeit am seidenen Faden. Glücklicherweise kehrt er jedoch nach dem im November 1918 geschlossenen Waffenstillstand wohlbehalten in die Heimat zurück. Der Trauung steht nun nichts mehr im Wege, sie findet am 28. Februar 1919 in Hude statt.

Der Hof an der Hurreler Straße, den Hinrich fortan mit Helene und seinen Schwiegereltern bewirtschaftet, ist mit acht Hektar nur etwa halb so groß wie der väterliche Betrieb. Laut der Linteler Chronik von Walter Janßen-Holldiek verdient Diedrich Martin Bischoff deshalb bis zu seinem Tod im Juni 1925 als Schuhmacher noch etwas Geld hinzu. Ein Handwerk, zu dem sich Hinrich aber offenbar nicht berufen fühlt. Er wird später eine Tätigkeit bei der Reichsbahn aufnehmen, um die nach der Geburt des ersten Kindes Johann im Januar 1920 stetig wachsende Familie über die Runden zu bringen. Mit Rosa (April 1923), Else (Januar 1928), Hertha (März 1931), Wilma (Januar 1936) und Erna (November 1938) folgen noch fünf Töchter.

Sechs Kinder in knapp 19 Jahren – und jedes einzelne wird in eine ganz eigene Phase deutscher Zeitgeschichte hineingeboren, die sich fundamental von den anderen unterscheidet. Steht die im November 1918 ausgerufene Weimarer Republik Anfang 1920 noch am Scheideweg zwischen parlamentarischer Demokratie, Räterepublik und Militärdiktatur, so durchlebt sie 1923 mit der ausufernden Hyperinflation die wohl absurdeste Episode ihres Bestehens. Fünf Jahre später streben die Goldenen Zwanziger ihrem Höhepunkt entgegen, während 1931 die in den USA ausgebrochene Weltwirtschaftskrise voll auf Deutschland übergreift und Millionen Menschen in Not und Arbeitslosigkeit stürzt. Den dadurch an die Macht gespülten Nationalsozialisten gelingt 1936 mit der Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele ein internationaler Prestige-Erfolg, der jedoch nur kurz über ihre durch und durch verbrecherische Staatsform hinwegtäuschen kann. Die gegen die bereits weitgehend entrechtete jüdische Bevölkerung gerichtete Reichspogromnacht markiert hierbei im November 1938 einen ersten traurigen Höhepunkt.

Wie Hinrich selbst diese Phasen erlebt, ist nur vereinzelt durch Erzählungen dokumentiert. So nutzt er den kurzen Aufschwung Mitte der 1920er Jahre, um auf dem knapp 100 Jahre später von Fred Melius mustergültig restaurierten Hofgelände ein zweites Hauptgebäude zu errichten. Dort zieht er mit Helene und den Kindern ein, während Schwiegermutter Anna Margarete weiter das alte Zwei-Ständer-Hallenhaus aus dem 19. Jahrhundert bewohnt. Zwei einschneidende Ereignisse sind zudem die langjährige Krankheit von Mutter Metta (sie stirbt im Februar 1934 kurz nach ihrem 60. Geburtstag) und der frühe Tod von Bruder Hermann im April 1937.

Irgendwann im Laufe des Jahres 1938 entscheidet sich Hinrichs einziger Sohn Johann dafür, der in Kürze ohnehin anstehenden Einberufung zum Wehrdienst durch eine Meldung als Freiwilliger zuvorzukommen. Für Johanns weiteren, viel zu kurzen Lebensweg macht dies vermutlich keinen Unterschied: Er nimmt nach dem deutschen Überfall auf Polen am Zweiten Weltkrieg teil und fällt im August 1944 an der Ostfront. Neben Ehefrau Hermanda hinterlässt Johann den im Juli 1942 geborenen Sohn Hans und dessen im November 1944 zur Welt kommenden Bruder Johann Junior. Beide Kinder verbringen die ersten Lebensjahre mit ihrer Mutter auf dem formal noch immer Anna Margarete Bischoff gehörenden Wachtendorf-Hof.

Neben Johann Wachtendorf kehrt auch Hinrichs Bruder Gerhard nicht vom Fronteinsatz zurück. Schwester Clara trauert darüber hinaus um ihre Tochter Hertha, die auf dem elterlichen Hof in Tweelbäke wenige Tage vor Kriegsende im Mai 1945 tödlich von einem Granatsplitter getroffen wurde. Tod und Tragik wie nahezu überall in jenen Monaten, doch für die Hinterbliebenen geht das Leben weiter. Das erste Nachkriegsjahr beginnt in Hinrichs Familie gleich mit einem freudigen Ereignis: der Hochzeit von Tochter Rosa mit Rudolf Weißflog am 15. Februar. Sieben Monate später heiratet Hermanda Wachtendorf Herbert Hemme aus Vielstedt und zieht mit den beiden Söhnen zu ihrem zweiten Ehemann.

Nach dem Tod von Schwiegermutter Anna Margarete im September 1947 wohnen Hinrich und Helene mit den noch im elterlichen Haushalt lebenden Töchtern wieder im alten Hallenhaus, während sich Rosa und Rudolf Weißflog im Neubau einrichten. Dort bereichern bald die Kinder Karin, Ingrid und Rudi die Familie. Und es kommen neue Schwiegersöhne hinzu: Else heiratet im Februar 1949 Bruno Jager, Hertha im August 1950 Walter Wieting, Erna im November 1958 Heinz Helms und Wilma im August 1959 Arthur Rüdebusch. Die dazugehörigen Polterabende werden auf Hinrichs und Helenes Diele gefeiert. Für Hinrich jedes Mal eine gute Gelegenheit, sein Können am Akkordeon unter Beweis zu stellen.

Beruflich fährt Hinrich nach Kriegsende zunächst nicht weiter zweigleisig. Die guten Aussichten für die Landwirtschaft verleiten ihn noch vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland dazu, seinen Posten bei der Bahn zu kündigen und sich voll und ganz auf den Hof und die Imkerei zu konzentrieren. Letztlich ein Fehler, wie er wenige Jahre später erkennen muss: Für einen Vollerwerbsbetrieb sind acht Hektar auch Anfang der 1950er Jahre schon zu wenig, und eine Aufstockung rentiert sich für Hinrich nicht mehr. Deshalb arbeitet er später auf Vermittlung von Rudolf Weißflog noch einige Jahre bei den Lloyd-Motoren-Werken in Bremen.

Fahren darf Hinrich mangels Führerscheins keines der dort gebauten Fahrzeuge. Mobil ist er trotzdem – mit Fahrrad, Bahn oder als Beifahrer im Lloyd Alexander von Schwiegersohn Rudolf. Daneben unternimmt er mit Ehefrau Helene hin und wieder Bus-Touren, die beide in den Harz, nach Porta Westfalica oder zu anderen, im Umkreis von 150 Kilometern gelegenen Sehenswürdigkeiten führen. Häufig nutzen sie dabei ein Angebot des befreundeten Huder Volksschullehrers Heinrich Eilers, ihn und seine Schüler auf einem Tagesausflug zu begleiten. Manchmal ist dann auch Enkel Johann dabei, der sich gern an diese Exkursionen erinnert: Auf dem Rückweg wird im Bus viel gesungen und gelacht (Hinrich kann gut Witze erzählen), und hin und wieder genehmigen sich die Männer ein Gläschen Korn.

Im Winter 1959/60 sucht Hinrich eine schwere Grippe heim, die ihm viel Energie und Lebensmut raubt. Die danach zunächst einsetzende Erholung ist nur von kurzer Dauer: Hinrich stirbt am 27. April 1960 und wird drei Tage später auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude beerdigt.