Marta Wilhelmine Hoffrogge wird am 27. April 1906 als drittes Kind von Johann Hoffrogge und Aline Hoffrogge auf dem elterlichen Hof in Lintel (heutige Eigentümer-Gemeinschaft: Hendrik Bisanz und Karen Henschke) geboren. Sie ist die jüngere Schwester von Heinrich Hoffrogge und Alma Cordes.
In den Wochen um Marta Wilhelmines Geburt forscht der deutsche Mediziner Alois Alzheimer in seinem Münchner Labor intensiv an einer Krankheit, die später einmal seinen Namen tragen wird. Als Basis der Untersuchungen dient das Gehirn von Alzheimers früherer Patientin Auguste Deter, die am 8. April 1906 in der Anstalt für Irre und Epileptische in Frankfurt verstorben ist. Dabei stellt Alzheimer fest, dass die Hirnrinde stark geschrumpft ist. Mit dem Mikroskop macht er zwei weitere, einander ergänzende Befunde: Zum einen finden sich innerhalb der Nervenzellen faserförmige Strukturen, die sich zu Knäueln verklumpen. Zum anderen beobachtet er zwischen den Zellen klumpige Ablagerungen eines Eiweißes, die später als senile Plaques bezeichnet werden. Aus alldem zieht Alzheimer den Schluss, dass es sich nicht um gewöhnliche Altersdemenz handelt, sondern um ein eigenständiges Krankheitsbild – zumal Auguste Deter bei ihrer Einlieferung in die Frankfurter Anstalt im Jahre 1901 gerade einmal 51 Jahre alt gewesen ist.
Erstmals öffentlich macht Alzheimer seine Entdeckung Anfang November 1906 auf der „37. Versammlung südwestdeutscher Irrenärzte“ in Tübingen. Knapp 90 Kollegen füllen den Hörsaal, darunter der namhafte Hirnforscher Franz Nissl sowie der Psychiater Carl Gustav Jung. Alzheimer schildert den Krankheitsverlauf von Auguste Deter und projiziert mikroskopische Aufnahmen der Plaques und Fibrillen, die er in ihrem Gehirn gefunden hat. Doch die Reaktion der Kollegen bleibt aus: Kein einziger stellt eine Frage, schnell wird zum nächsten Thema gewechselt. Tief enttäuscht kehrt Alzheimer nach München zurück.
Im Januar 1907 publiziert Alzheimer seinen „Über eine eigenartige Erkrankung der Hirnrinde“ betitelten Vortrag in der „Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie“. Auch diese Veröffentlichung ruft zunächst keine nennenswerte Resonanz hervor. Erst 1910 erlangt Alzheimers Entdeckung ein wenig Beachtung in der Fachwelt, als sein Vorgesetzter, der renommierte Psychiater Emil Kraepelin, das Krankheitsbild in der achten Auflage seines „Lehrbuchs für Studierende und Ärzte“ unter dem Namen „Alzheimersche Krankheit“ aufführt. Doch obwohl ihr Namensgeber zu diesem Zeitpunkt bereits einen weiteren Patienten mit ähnlichen Symptomen betreut, gerät die Diagnose schnell in Vergessenheit.
Alzheimer? Auch in Lintel dürfte dies zu Beginn des 20. Jahrhunderts kein Thema sein, dem die Menschen großartig Beachtung schenken. Dafür gibt es viel zu viele andere Krankheiten, die Gesundheit und Leben der Dorfbewohner bedrohen. Allen voran Tuberkulose, unter der in jenen Jahren unter anderem Anna Geerken und Johann Diedrich Haverkamp leiden. Für beide gibt es keine Rettung. Oder Diphtherie, die einige Jahre zuvor Anna Geerkens Schwägerin Meta Galdas und deren Söhne Bernhard und Heinrich das Leben gekostet hat. Die Kindersterblichkeit ist hoch in Lintel, wie überall im Deutschen Reich.
Von derartigen Schicksalsschlägen bleibt Marta Wilhelmines Familie zunächst verschont. Zusammen mit ihren Geschwistern wächst sie auf dem elterlichen Hof auf, den Urgroßvater Johann Jürgen Hoffrogge 1836 gekauft hat. Der Dorf-Chronik von Walter Janßen-Holldiek zufolge geht Vater Johann (in Lintel allgemein unter dem Spitznamen „Jan Knuff“ bekannt) noch einem Nebenerwerb nach – möglicherweise der Drechslerei, mit der später auch Bruder Heinrich sein Geld verdient. Er ist sechs Jahre älter als Marta Wilhelmine, Schwester Alma wiederum ist 1903 geboren.
Sehr wahrscheinlich im Frühjahr 1912 wird Marta Wilhelmine in die von ihrem Elternhaus nur rund 300 Meter entfernte Volksschule Lintel eingeschult. Dort gehören unter anderem Martha Lampe, Alwine Runge und Gesine Wachtendorf zu ihren in etwa gleichaltrigen Mitschülerinnen. Mit ihnen zusammen erlebt Marta Wilhelmine den Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914, nicht aber dessen Ende vier Jahre später. Die genaue Ursache ihres Todes am 14. August 1916 lässt sich heute nicht mehr ergründen, der Sterbeeintrag „Wassersucht“ im Kirchenbuch der Gemeinde Hude deutet jedoch auf eine Herzschwäche oder Nierenentzündung hin – möglicherweise verursacht durch eine Scharlach-Erkrankung oder einen anderen Infekt. Bestattet ist Marta Wilhelmine am 18. August 1916 auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude.