Sophie Hoffrogge – Biographie

Sophie Gesine Hoffrogge wird am 28. Juni 1898 als fünftes Kind von Johann Georg Behrens und Catharine Gesine Behrens in Nordenholz geboren. Sie ist die jüngere Schwester von Anna Schröder, Gesine Menkens, Johanne Heineken und Heinrich August Behrens und die ältere Schwester von Hermann Behrens und Gretchen Schütte.

In den Tagen um Sophies Geburt geht der Spanisch-Amerikanische Krieg in seine entscheidende Phase. Begonnen hat er im April 1898, nachdem zuvor im Hafen von Havanna – Hauptstadt der spanischen Kolonie Kuba – das US-Kriegsschiff „Maine“ nach einer Explosion gesunken ist. Dabei kommen fast 270 Besatzungsmitglieder ums Leben. Das schon seit längerem angespannte Verhältnis zwischen den beiden Staaten gerät durch dieses nie restlos aufgeklärte Ereignis vollends aus dem Ruder. Amerikanische Zeitungen bezichtigen Spanien der Sabotage, und die USA unterstützen nun offen kubanische Guerillas, die für eine Unabhängigkeit der karibischen Insel kämpfen. Daraufhin bricht Spanien alle diplomatischen Beziehungen zu den USA ab und ruft den Kriegszustand aus.

Die amerikanische Überlegenheit zeigt sich schnell. Am 1. Mai 1898 fügt das US-Asien-Geschwader unter Commodore George Dewey der veralteten spanischen Pazifik-Flotte in der Bucht von Manila eine verheerende Niederlage zu. Die spanische Macht auf den Philippinen ist damit gebrochen. Am 22. Juni landen US-Truppen unter General William Shafter auf Kuba. Unter ihnen befinden sich die Rough Riders, ein Freiwilligen-Regiment, das maßgeblich von dem New Yorker Politiker und späteren US-Präsidenten Theodore Roosevelt aufgestellt worden ist. Durch ihren Sieg in der Schlacht am San Juan Hill am 1. Juli 1898 tragen sie entscheidend dazu bei, die spanischen Verteidigungslinien vor Santiago de Cuba zu überwinden. Zwei Tage später scheitert ein Ausbruchsversuch der spanischen Atlantik-Flotte, die Stadt kapituliert am 17. Juli. An der Pazifik-Front enden die Kämpfe am 13. August. Im anschließenden, am 10. Dezember 1898 in Paris unterzeichneten Friedensvertrag tritt Spanien Puerto Rico, Guam und die Philippinen an die USA ab. Kuba wird zwar formal selbstständig, steht aber in den folgenden Jahrzehnten ebenfalls unter starkem US-Einfluss.

Ein für die einstige Weltmacht Spanien niederschmetterndes Ergebnis, das die in Oldenburg erscheinende Tageszeitung „Nachrichten für Stadt und Land“ bereits in ihrer Ausgabe vom 30. Juni 1898 vorwegnimmt. Das Land werde „Frieden schließen müssen um jeden Preis, und der Preis wird ein hoher sein“, heißt es dort in einem der zahlreichen Artikel zum Thema. Wie intensiv die Menschen in Sophies Geburtsort diese Lageberichte verfolgen, darüber lässt sich nur spekulieren. Gelesen wird die Zeitung in Nordenholz aber mit ziemlicher Sicherheit, und Gesprächsthema dürfte ihr Inhalt in den Tagen nach Sophies Geburt auch sein. Berichtet sie doch gleich zweifach (in den Ausgaben vom 5. Juli und vom 8. Juli) ausführlich über ein in Oldenburg geführtes Schwurgerichtsverfahren gegen den Nordenholzer Großbauern Johann Reinken. Er soll im Januar 1898 auf seinem Hof eine Magd verprügelt und danach, um die Tat zu vertuschen, einen Dienstknecht zum Meineid angestiftet haben. Im Zentrum des Prozesses steht freilich der eben jenes Meineids beschuldigte 16-jährige Heinrich Höfelmann, der dafür am Ende von den Geschworenen eine durch die Untersuchungshaft abgegoltene Haftstrafe von drei Monaten aufgebrummt bekommt. Reinken selbst geht straffrei aus.

Ein ungerechtes Urteil? Aus heutiger Sicht sicher, aber so sind nun einmal die Zeiten damals. Kaum weniger epochentypisch ist die Tatsache, dass Sophie ihren älteren Bruder Heinrich August nie kennenlernt. Er ist bereits im Juli 1897 im Alter von vier Monaten verstorben, als Todesursache nennt das Sterbebuch der Kirchengemeinde Hude „Krämpfe“. Kein Einzelschicksal: Die Säuglingssterblichkeit im 1871 gegründeten Deutschen Reich liegt an der Schwelle zum 20. Jahrhundert bei rund 20 Prozent.

Sophies Eltern bewirtschaften in Nordenholz seit 1894 oder 1895 einen Pachthof am heutigen Brookweg. Vater Johann Georg stammt aus Bookhorn bei Ganderkesee, wo auch Sophies ältere Schwestern zur Welt gekommen sind. Mutter Catharine Gesine wiederum ist in Altmoorhausen geboren und hat dort zahlreiche Verwandte: Sophies 1872 verstorbener Großvater mütterlicherseits, Hermann Rische, hat aus drei Ehen insgesamt 14 Kinder, von denen elf das Erwachsenenalter erreichen. Vier von ihnen wandern später in die USA aus.

Sehr wahrscheinlich im Frühjahr 1905 – neun Monate nach der Geburt von Schwester Gretchen – wird Sophie in die dorfeigene Volksschule eingeschult. Dort bleibt sie aber allem Anschein nach nur bis 1909, als der Pachthof am Brookweg einen neuen Besitzer erhält und ihre Eltern einen Hof im Ganderkeseer Ortsteil Blanken übernehmen. Über die folgenden Jahre in Sophies Leben ist heute nichts weiter bekannt. Nach Schulabschluss und Konfirmation geht sie aber vermutlich wie damals üblich auf einem Hof oder in einem Haushalt in der näheren Umgebung in Stellung. Dort erlebt sie im Sommer 1914 den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, an dem ihr 1860 geborener Vater mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr teilnimmt. Das Ende des Krieges erlebt Johann Georg Behrens dennoch nicht: Er stirbt im Januar 1918 im Alter von 57 Jahren. Bruder Hermann, der erst sechs Wochen nach dem im November 1918 geschlossenen Waffenstillstand von Compiègne das 18. Lebensjahr vollendet, dürfte ein Fronteinsatz ebenfalls erspart bleiben.

Im September 1922 – in der nach Kriegsende ausgerufenen Weimarer Republik nimmt die ein Jahr später ihren Höhepunkt erreichende Geldentwertung gerade Fahrt auf – stirbt auch Mutter Catharine Gesine. Wo Sophie, nunmehr Vollwaise, zu diesem Zeitpunkt lebt und arbeitet, lässt sich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Vielleicht schon in Lintel, denn von dort stammt ihr künftiger Ehemann Heinrich Hoffrogge. Er ist der Erbe eines rund neun Hektar großen Hofes an der Linteler Straße, den er zusammen mit seinen Eltern Johann und Aline Hoffrogge bewirtschaftet. Dort findet Sophie nach der Hochzeit mit Heinrich im Mai 1925 ein neues Zuhause.

Als Sophie Anfang 1929 zum ersten Mal schwanger wird, steht die zuvor krisengeschüttelte Republik einigermaßen stabil da. Seit September 1926 gehört Deutschland dem Völkerbund an, und zumindest in Großstädten wie Berlin, München oder Hamburg herrscht Aufbruchstimmung. Die hat bei der Geburt von Tochter Ella im November 1929 angesichts eines kurz zuvor den Finanzdistrikt von New York erschütternden Börsen-Crashs allerdings bereits einen ersten Dämpfer erhalten, und bei der Ankunft des zweiten Kindes Hilde im Juli 1932 ist sie komplett verflogen. Das zeigt nicht zuletzt die in jenem Monat abgehaltene Reichstagswahl, aus der die von Adolf Hitler geführte, radikal antisemitische und republikfeindliche NSDAP erstmals als stärkste Partei hervorgeht.

Sophie kommt mit ihrer Familie in den Jahren der Weltwirtschaftskrise vermutlich halbwegs über die Runden, weil Ehemann Heinrich als Drechsler neben der Landwirtschaft noch ein zweites Standbein hat und die von ihm gefertigten Werkzeuge und Gegenstände im Alltag häufig unverzichtbar sind. Möglicherweise gibt das sogar den Ausschlag, sich fortan ganz auf diese Arbeit zu konzentrieren. Wie auch immer: Während Anfang 1933 in Berlin die Nationalsozialisten die Macht übernehmen, errichtet Heinrich zu diesem Zweck in Hemmelsberg ein Siedlungshaus mit angeschlossener Werkstatt. Im Februar 1934 wird Sophie dann durch die Geburt von Tochter Inge zum dritten Mal Mutter.

Pendeln Sophie und Heinrich danach zwischen Hemmelsberg und Lintel hin und her, um dort den Hof am Laufen zu halten? Die Vermutung liegt nahe, denn über eine eventuelle Verpachtung ist nichts bekannt, und Sophies Schwiegervater Johann feiert wenige Wochen vor der Eröffnung der Olympischen Winterspiele von Garmisch-Partenkirchen im Februar 1936 bereits seinen 70. Geburtstag. Vielleicht verhindert die Existenz des Hofes zunächst sogar, dass Heinrich Hoffrogge drei Jahre später – der deutsche Überfall auf Polen im September 1939 löst den Zweiten Weltkrieg aus – einen Stellungsbefehl zur Wehrmacht erhält. Letztlich ist jedoch auch dies nur Spekulation: Wie Sophie und Heinrich mit ihren drei Töchtern den bis Mai 1945 dauernden Krieg überstehen, liegt heute weitgehend im Dunkeln. Dass es ebenso wie die ersten Nachkriegsjahre „verteufelte Zeiten“ (so der spätere Titel eines Ohnsorg-Theaterstücks) sind, steht jedoch außer Frage.

Nachdem Schwiegervater Johann 1944 verstorben ist, stirbt im Juli 1949 auch Schwiegermutter Aline. Vier Jahre später verkauft Heinrich Hoffrogge den Linteler Hof an Heinrich Quitsch und konzentriert sich voll und ganz auf seine Drechsler-Werkstatt in Hemmelsberg. Sophie unterstützt ihn dabei und kümmert sich nach dem Auszug der Kinder wie schon in den Jahren zuvor um den Haushalt, die zur Selbstversorgung gehaltenen Hühner und den zum Anwesen gehörenden Gemüsegarten.

Im Juni 1951 heiratet Tochter Ella Fritz Haverkamp aus Munderloh. Dem für Sophie und Heinrich ersten, im September 1951 geborenen Enkelkind Ingrid folgen mit Gunda (Januar 1953), Rolf (Januar 1956), Renate (April 1959), Anke (März 1961), Hille (Januar 1963) und Kerstin bis September 1965 noch sechs weitere. Hildes im Juli 1958 geschlossene Ehe mit Werner Kähler bleibt ohne eigene Kinder, Inges Ehe mit Karl Rodiek (Februar 1959) ebenfalls. Beide Töchter wohnen nach der Hochzeit in Vielstedt, haben es also wie Ella und ihre Familie nicht weit zum ehemaligen Zuhause.

Sophies und Heinrichs Haus in Hemmelsberg liegt direkt an der damals noch vielbefahrenen B 75. Dort ereignen sich in den 1960er Jahren auf der Strecke zwischen Delmenhorst und Oldenburg immer wieder schwere Unfälle, die neben zahllosen Blech- und Personenschäden auch diverse Todesopfer fordern. Wie oft mag Sophie ihre älteren Enkelkinder (das jüngste, Rainer, wird erst im Juni 1970 geboren) ermahnt haben, stets achtsam zu sein und die Straße auf keinen Fall alleine zu überqueren?

Die Mahnungen tragen Früchte, niemandem aus der Familie passiert etwas. Bis zum 28. November 1967. Am Nachmittag jenes Tages sind Sophie und Heinrich mit dem Auto auf der B 75 unterwegs. Unweit ihres Hauses kommt es in Altmoorhausen an der Abzweigung nach Wüsting zum Zusammenstoß mit einem anderen Fahrzeug, bei dem Sophie schwer verletzt wird. Sie stirbt noch am selben Tag in einem Oldenburger Krankenhaus. Bestattet ist Sophie am 2. Dezember 1967 auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude.